Der Lesefisch

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Prolog + Kapitel I

Kennst du das? Dein Körper, von einem anderen in die Laken gepresst, die Gegenwehr längst aufgegeben, schwingt mit in einem Rhythmus, den ein anderer ihm vorgibt – aber dein Geist ist fort.

Ich sehe dann Dinge, die ich nicht verstehe. Aber sie faszinieren mich. Kabel, Drähte, vermessingte Leitungen, Schönheit, die nützlich ist. Ich mochte schon immer Dinge, in denen sich das Licht brach. Spiegelnde Fenster, Regentropfen im Spinnennetz, blaue Schneefelder unter schwacher Wintersonne. Stahlflächen. Chrom. Und während der Bettrahmen unter mir in seinem Knarren und Quietschen redseliger ist, als ich es je sein kann in diesen Momenten, tauche ich ein in die stille Selbstverständlichkeit fester Maschinen.

***

 

Ich wusste lange nicht, wovon ich träumte. Das hat man mir erst später erklärt. Alles nahm seinen Lauf an dem Abend, als ich mich in die Kneipe am Eck geflüchtet hatte. Das geschah nicht allzu oft. Normalerweise wusste ich, wo mein Platz ist. Aber dieser Tag war einfach zuviel gewesen.

Mutter hatte einen neuen Schub, Andreas einen neuen Chef. Beide zerrten an mir, forderten, gierten, ließen mir keine Ruhe zum Nachdenken, nicht einen einzigen Moment. Stattdessen nur Nörgelei, kein freundliches Wort. Wie hilflos das klingt, ich mag es nicht glauben. Ist das wirklich alles, was ich noch vom Leben erwarte? Ein einziges nettes Wort?

An diesem Abend wusste ich jedenfalls, dass ich es nicht hören würde. Also lagerte ich Mutter zur Nacht, stellte Andreas das Bier auf den Tisch und huschte auf Zehenspitzen aus der Tür. Die Treppe hinunter- leise, die dritte Stufe von unten knarrt -, aus der Tür hinaus und über die Strasse.

-Ich weiß nicht, warum ich zu dieser Heimlichkeit neige. Vielleicht ist es nur eine Art Rebellieren. Wovor? Ich bin erwachsen, 37 um genau zu sein. Es hat mir niemand zu verbieten, abends auszugehen. Vielleicht lebe ich auch nur in einer einzigen Negation. Ich weiß es nicht. Gib mir was zu trinken. –

Es war ein später Donnerstagabend, kaum Betrieb. Wortlos setzte ich mich an das hintere Ende des Tresens, bestellte einen Ouzo und schaltete ab. Es folgten noch zwei, drei weitere, dann schob ich die leeren Gläser von mir. Ich weiß, wann ich genug habe. Erst jetzt bemerkte ich, wie ruhig es war. In dieser Kneipe gab es kein lästiges Hintergrundgedudel, das einen noch blöder werden ließ, als man es schon ohnehin ist. Ich zog meine Strickjacke enger, lehnte mich gegen die Wand in meinem Rücken und schloss die Augen. Sekundenschlaf nennt man das wohl. Nur blieb es bei mir nicht bei Sekunden.

Als ich sie später wieder öffnete, saß ein Mann vor mir. Durchschnitt, vom Scheitel bis zur Sohle, dachte ich und musste kichern. Er ließ sich nicht anmerken, ob ihn das Lachen kränkte. Vielmehr bot er mir sein Taschentuch, als ich mich mit einem Kieksen an meiner eigenen hilflosen Fröhlichkeit verschluckte. Durchschnitt. Was soll man den erwarten an einem Ort, wie diesem? Durchschnitt ist hier schon das obere Ende der Messlatte. Der Durchschnittsprinz auf dem Durchschnittschimmel für die Durchschnittsmagd –  was für ein Durchschnittselend! Mir liefen kaltklebrige Tränen in den Ausschnitt. In den folgenden Momenten, während ich in das Taschentuch heulte und gleichzeitig um etwas Haltung rang, sagte er kein Wort. Doch in diesem Schweigen war er mir näher, als es für lange Zeit irgendein Mensch gewesen war. Teufel auch.

„Was wollen Sie von mir?“ ranzte ich ihn schließlich feindselig an.

„Ihren Kopf“, entgegnete er trocken. „Und mein Taschentuch.“

 

Ich kann die Elektronenblitze auf den Platinen sehen, schmecken, fühlen. Sie sind Musik in meinen Ohren. Sie laufen kleinen Käfern gleich durch meine Adern. Strom ist Leben. Jeder Funke eine Idee, eine ganze Welt, ein Universum. Ich tanze im Spannungsbogen, ich reibe mich auf zwischen Aniode und Katiode, bin ein Elektron im ewigen Lauf durch die Hülle.

Jetzt, wo ich weiß, in welchen Welten ich mich bewege, fühle ich mich größer und den anderen überlegen. Ich verstehe zwar noch immer nicht, worum es geht – aber ich weiß, wie man die Einzelteile nennt. Andreas wird mir nie wieder sagen dürfen, dass ich dumm sei. Das bin ich nicht. Soll er sich jemand anderes suchen. Ich frage nicht nach ihm. Doch ohne ihn…

 

Der Mann stellte sich als Palmer, Kurt vor. Ich witzelte später einmal, er sei Mr.X. Heute, nach über zwei Jahren, ist er es wirklich. Am Anfang dachte ich, er wäre die Antwort auf all meine Wachträume im stickigen Ehebett. Das hat er allerdings nie bewiesen. Mir ist das Hoffen schnell vergangen. Ich bin keine Frau für ihn, nur ein Gehirn. Es ist nicht sexy, allein darauf reduziert zu werden. Er hat sich nicht ein einziges Mal in meinen Augen verloren, wie ich es so oft in den Schulzen gelesen habe, damals, vor seiner Zeit. Er hat sich nicht um meine Granatäpfel gekümmert, nicht um die Rosenblüten…ist er überhaupt ein Mann? Oder schlimmer noch- bin ich etwa keine Frau? Auf der anderen Seite – nachdem ich diesen Status zwischen uns akzeptiert hatte, war das Beisammensein entspannend. Er fragte mich nach meinen Träumen. Warum? fragte ich ihn. Er arbeite mit einem Schlaflabor zusammen, erzählte er, und meine Rapid eye movements  betörend. Er wolle wissen, was dahinter steckte. Irgendwann nahm er mich zum ersten Mal ins Labor mit. Irgendwann –

 

Es klingelt.

Ich hebe mit klammen Fingern den Hörer ab. „Ja?“

„Haben Sie etwas für uns?“

Ich lege den Hörer auf.

Fünf Minuten vergehen. Das Telefon schellt erneut. Ich will nicht abheben. Ich weiß wer es ist. Ich weiß, worum es geht. Der Anrufbeantwortet schaltet sich mit einem Klicken ein. Meine konservierte Stimme spult blechern das übliche Hallo und Pieps ab, danach klingt es kalt und nüchtern in die vier Wände des Appartements, in dem ich lebend gehalten werde.

„Träumen Sie!“

Nach einem weiteren Klicken fällt die Stille über mich her. Dabei sitze ich kerzengrade. Das Kinn bebt nicht. Kein Hauch bewegt die Strähne die keck ins Gesicht fällt. Sie weiß es nicht anders. Das war nicht Mr.X. Das waren die Anderen. Und ihre Geduld schwindet.

 

Irgendwann, als Andreas arbeitslos zu Hause hockte, die Laune grottenschlecht, genervt, gereizt, bat ich ihn um Hilfe mit meiner Mutter. Es sei mein Ding, sagte er lapidar. Ich sei aus diesem Schoß gekrochen, ich müsste mich nun auch um den Rest kümmern. Der Zustand meiner Mutter war zu diesem Zeitpunkt kritisch, doch ins Krankenhaus wollte sie nicht. Selbst den Hausarzt konnte sie in einem ihrer wenigen lichten Augenblicke davon überzeugen, dass es ihr daheim, unter meiner liebevollen Fürsorge weit besser erginge als in einem sterilen Krankenzimmer. Ich fühlte keine Liebe in diesem Moment.

Als ich abends in die Kneipe flüchtete, wartete Kurt auf mich. Er hielt mir einen Vertrag unter die Nase – ein Pflegeheim, viel zu teuer für uns. Er zog einen weiteren Vertrag aus der Aktentasche. Ein Arbeitsvertrag für Andreas – als LKW-Fahrer, so wie er es gewesen war.

„Kommen Sie mit“, sagte er „ und Ihre Welt wird sich verändern.“

1 Kommentar 5.7.07 11:21, kommentieren

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