Der Lesefisch

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Entwicklung

Ich betrachte den blinkenden Cursor. Mir sind die Worte ausgegangen und ich weiß nicht weiter. Der Anruf hat mich völlig aus dem Konzept gebracht. Dabei weiß ich genau, dass sie mir schon seit Monaten im Nacken sitzen. Palmer versucht ständig, mich zu beschwichtigen, versucht, mir das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Wenn ich wollte, würde er mir jeden Wunsch erfüllen, nur damit ich wieder anfinge, zu träumen. Aber das gelingt nicht.

 

Als ich in jener Nacht Palmer in diese Wohnung gefolgt bin, hat sich mein Leben um 180° gedreht. Am Anfang musste ich mich erst einmal an die Freiheit gewöhnen. Da gab es niemanden mehr, den ich zu versorgen hatte. Da wollte keiner etwas von mir. „Seien Sie gut zu sich“, empfahl mir Kurt. „Nehmen Sie sich Zeit für Ihre Gedanken. Wenn Sie einen Wunsch haben, dann wählen Sie diese Nummer. Ich bin Tag und Nacht für Sie erreichbar.“ Sein Lächeln wollte gewinnend wirken, doch es verzerrte sich, als hätte er Zahnschmerzen. Drei Tage schlief ich wie ein Stein. Danach begann ich mein Appartement zu entdecken. Es war nicht übermäßig luxuriös – aber es war meins. Aus dem Fenster sah ich in einen grünen Park hinunter, der mir fremd war. Da wo ich her kam, war das einzige Grün überlebenswilliger Efeu an Betonwänden oder hundebepisste Grasbüschel zwischen graubetonierten Wegplatten.

Als Kurt das nächste Mal an die Tür klopfte, entführte er mich mit Grandezza in das Schlaflabor, in dem er schon erste Tests mit mir durchgeführt hatte. Ich sollte schlafen und träumen. Das geht nicht so einfach, wenn der ganze Kopf verkabelt ist. Die Elektroden drücken in die Kopfhaut, die Kabel verheddern sich, wenn man sich zu sehr herumwirft und überhaupt: auf Ansage träumen. Schier unmöglich.

Kurt aber brachte es mir langsam bei. Unter Hypnose flüsterte er mir ein, dass ich mich ab jetzt an alles, was ich im Traum sehen würde, erinnern könnte. Ich brauchte auch nichts aufschreiben, ich sollte nur erzählen. Und wenn ich nicht wüsste, was ich sehen würde, wandte ich, aus der Trance erwacht, ein. Wie soll ich von etwas erzählen, das ich nicht kenne? Macht nichts, entgegnete Kurt, das würde man herausfinden können. Es sei in diesem Stadium ja erst einmal ein Versuch. Ich solle mich ja nicht verkrampfen.

Ich schlief die nächsten drei Wochen im Labor, gewöhnte mich weitgehend an die Elektrik und wünschte mich insgeheim in meine vier Wände zurück.

Besonders dann, wenn es an die Auswertung meines Kopfkinos ging. Am Anfang konnte ich die Bilder nur Palmer schildern. Und er weiß, wie ich mich für diese Bilder geschämt habe. Da gab es alle Varianten von Aggressionen und Erniedrigungen bis hin zu Mordphantasien, da gab es Traumbilder von Achterbahnfahrten auf kaputten Holzschienen inmitten schwedischer Seen, da gab es Comicpinguine, die nachts durch mein Hirn wanderten – riesiggroß und bar aller Vernunft. Krokodile in gemauerten Bassins, Schwarzbären in gepflegten Siedlungen. Dabei waren die Mordträume, in denen erschreckend oft Andreas und meine Mutter auftauchten (zudem noch Kurt selbst; Selma, die Laborassistenz; Stephan, der Computerfritze, etc,pp), noch leicht zu ertragen. Nachdem mir Kurt versicherte, dass so ein Traum nicht die Umsetzung in die Tat nach sich ziehe und das man auch kein schlechter Mensch deswegen sei (nur ein Mensch mit Konflikten, aber wer hat die nicht?), konnte ich leichter damit umgehen. Was mich wirklich verunsicherte, waren diese sinnlosen Dinge. Ich wollte so etwas nicht in meinem Kopf haben.

Kurt war begeistert über die Intensität der Bilder. Ob ich sie zeichnen könne? Konnte ich nicht. Hatte ich nie versucht. Also bekam ich Zeichenunterricht. Dabei ging es aber nicht um Wasserfarben und Blumensträuße. Ich sollte Linien malen, nur Linien. Manchmal einen Punkt, manchmal einen Kreis. Technisches Zeichnen. Nachdem ich ihm auf diese Weise die schwedische Achterbahn zeichnete, komplett mit allen Streben, Nägeln und  Latten(auch den fehlenden), erklärte ich Kurt für bescheuert. Er starrte auf den Bogen Papier, ein Speichelfaden grätschte unentschlossen zwischen den weit offen stehenden Lippen, dann raffte er die Zeichnung zusammen, verabschiedete sich hektisch und stürmte aus dem Raum. Verrückt, nicht?

Danach begann er mir, vor dem Schlafen Dinge zu zeigen. Er wollte sehen, ob sie in irgendeiner Form in meinen Träumen auftauchten. Er wollte –

 

Es klopft.

Ich stelle mich tot.

„Ach komm, Elli. Ich weiß, dass du da bist.“

Palmer klingt ungehalten. Jetzt hämmert er mit den Fäusten an die Tür. „Mach endlich auf!“

Zwei, drei Schritte und ich bin an der Tür. „Kurt?“

„Mach auf!“

Mit zitternder Hand löse ich die Sicherungskette, drehe den Riegel auf. Öffne die Tür.

Palmer platzt in meine Wohnung. „Hast du geträumt?“ Sein Blick flackert.

Ich schüttle stumm den Kopf. „Wir haben nicht mehr viel Zeit“. Er rennt wie ein aufgeregtes Huhn auf und ab. „Zeit, Zeit, Zeit. Was ist schief gegangen? Warum?“ Er packt mich an den Oberarmen, gleich unter der Schulter. „Warum träumst du nicht mehr?“

Ich will ja etwas sagen. Doch ich finde keine Worte für die Misere.

„Habe ich dich nicht gut behandelt? Habe ich dir etwa nicht deine Freiheit gegeben? Häh?“

Er sieht aus wie Andreas. Er benimmt sich wie Andreas. Er verspielt gerade jeden Funken Respekt, den ich für ihn empfinde und merkt es nicht einmal. Mit einem Ruck schüttle ich seine Hände ab.

„Geh doch zum Teufel, Kurt.“

„Ist das alles?“ Eine Ader schwillt an auf seiner Stirn. Bis eben habe ich sie nicht bemerkt. Bis eben hat er sich mir gegenüber auch nicht wie ein Schwein aufgeführt. Vielleicht ist es mein Blick, vielleicht ist es die Kälte in meiner Stimme. Geh zum Teufel habe ich gesagt. Das ist er nicht gewohnt. Und nach einem Moment zäher schwerer Stille bricht er auf der Couch zusammen.

„Es tut mir leid“, winselt er. „Ich wollte nicht grob… Ich wollte nicht.“

Mit einem Achselzucken wende ich mich zum Buffet, greife nach der Wodkaflasche und schenke ein Wasserglas voll. Halte es ihm hin. Er verneint. Ich trinke ein, zwei große Schlucke.

„Kannst du mir sagen, was der ganze Aufstand soll?“ Meine Stimme klingt nüchterner als ich es bin. Vor seiner Schwäche fällt es leicht, stark zu sein.

„Sie wollen Ergebnisse. Seit drei Monaten warten sie auf etwas Verwertbares. Ein Ergebnis, verstehst du nicht?“

„Ich habe ihnen doch etwas geliefert“ nuschle ich hinter einem weiteren Schluck hervor.

„Aber das war fehlerhaft!“ Er fährt sich mit den Händen durch die akkuraten Salz und Pfeffer Strähnen. „Deine ‚Erkenntnisse’ haben ihnen Unsummen gekostet – und jetzt stellt sich beim Probelauf heraus, dass das alles eine Handvoll technischer Plunder ist!“

„Ich habe nie gesagt, dass ich mich damit auskenne! Bin ich Ingenieurin? Habe ich dieses Zeug studiert? Atome, Quanten, Elektronen – ich kenne die Worte, aber mehr nicht, verdammte Scheiße!“ Das Glas ist leer. Palmers Gesicht auch. Er weiß, dass ich Recht habe.

Die Uhr tickt.

Schließlich erhebt er sich. „Hast du die Kappe dabei?“

Was für eine Frage. Ich nicke.

„Trage sie. Am besten den ganzen Tag. Vielleicht ergibt sich ja etwas bei deinem Mittagsschlaf.“ So resigniert, wie er jetzt da steht, in der Zimmermitte, einsam und verloren auf dem weißen Flauschteppich, bin ich versucht, ihn zu trösten. Doch meine Schuld verbietet es mir. Nach einem weiteren unangenehmen Moment absoluter Leere dreht er sich auf dem Absatz herum und verlässt die Wohnung weit leiser, als er sie betreten hat.

Ich setze mich wieder an den Rechner. Der Cursor blinkt mir aufmunternd zu. ‚Sag was passiert ist. Erzähl doch. Wie war das mit Ralf?’

 

Wenn die Begeisterung eines Neuanfangs sich in Rauch aufgelöst hat, wird alles alltäglich. Egal wie abstrus, kurios oder sonderbar es sein mag. Alles wird irgendwann, irgendwie Routine. Das nennt sich Leben. Früher dachte ich immer: Wenn nur dies, wenn nur jenes... dann würde alles besser sein.“ Es wird nie besser. Nur anders. Aber besser- Egal.

Irgendwann, als ich schließlich auf Kommando von Dingen träumte, die ich so noch nie gesehen hatte – dreimal in der Woche im Labor, der Rest zu Hause – und der Lack ab war, zog die Langeweile bei mir ein. Ich sah zwar genug Menschen, um nicht einsam zu sein, aber ich lernte sie nicht wirklich kennen. Man witzelte zwischen den Sitzungen, Untersuchungen, Tests und Auswertungen, aber immer auf Distanz. Um ehrlich zu sein, die meisten der blassen Uni-Bübchen weckten nicht mein näheres Interesse. Gut, dass da die Distanz blieb. Aber eines Tages, als ich zu spät beim Labor ankam und im Blindflug durch die Korridore lief, prallte ich gegen Ralf. Im ersten Augenblick wusste ich nicht, wie mir geschah, dann packten mich zwei Hände fest an den Ellenbogen und stabilisierten meinen unsicheren Stand. Diese Hände - was soll ich sagen? Ich bin eine Frau. Ich war ausgehungert – etwas was ich nach der Eintönigkeit mit Andreas nicht gedacht hätte – und ich wollte ihn. Das war vor drei Monaten. Natürlich träumte ich noch. Aber bestimmt nicht von den Dingen, die mir die Miete sichern. Und es waren nicht mehr die gleichen Träume. Was mir durch den Kopf schwirrte, waren halbgare Fieberphantasien, Wachträume, die niemals die Tiefe der Erkenntnis-Träume erreichten. Ich konnte nicht mehr richtig schlafen. Ich wälzte mich bis in die Morgenstunden zwischen den Laken herum, doch die Gedanken waren bei diesem Scheißkerl und seinen Augen. Seinen Lippen. Seinen Händen. Seinem Schwanz. Aber er war tabu für mich – weil er mich für tabu hielt. Vermische nie Privates mit der Arbeit, darin war er gut. Ich schnappte derweil gierig jeden Brocken unverbindlicher Freundlichkeit auf, der auf das sterile Linoleum fiel. Drehte und wendete ihn, wenn ich zu Hause saß, träumte, sehnte, war heiß. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus. Also warf ich mir einen dünnen Fetzen über und rannte in die Nacht hinaus. Verdammt, ich wollte gefickt werden. Hinter der nächsten Bar wurde ich fündig. Er konnte Ralf nicht das Wasser reichen, aber er war besser als niemand. Ich hoffte, dass seine Härte mich in die Realität zurückwarf, Stoß für Stoß für Stoß. Und wirklich: Zurück in der Wohnung fiel ich endlich in einen tiefen Schlaf. Ohne Träume. Ohne Bilder. Ohne Ergebnisse. Und so geht es seitdem immer wieder. Ich bin nichts weiter mehr als eine rollige Katze, getrieben von der Sehnsucht nach Ralf und betäubt von mehr oder minder guten Orgasmen. Vergessen in traumlosen Nächten.

 

„Bist du jetzt zufrieden?“

Der Cursor blinkt unbeirrt. Er weiß nicht, dass er meinen Zorn auf sich gezogen hat. Er ist sichtbares Zeichen eines Stromkreislaufs? Ich schüttle verwirrt den Kopf. Versenke mich in den Anblick des blinkenden Zeichens. Selbsthypnose. Irgendwie muss ich mich doch wieder auf meine Fähigkeit berufen können. Strom. Platine. Es ging um… Der Cursor brennt sich in meine Retina, es schmerzt. Ich höre den Strom summen, ich spüre seine Lebendigkeit. Aber ich kann nicht eindringen. Ich kann nicht mitlaufen. „Du musst“ presse ich zwischen geschlossenen Zähnen hervor. „Du musst, du musst, du musst!“ Das Pochen meines Blutes tönt in den Ohren. Alles andere tritt in den Hintergrund. Meine Stirn fällt auf die Tastatur. Ich schaffe es nicht mehr zum Bett. Schwärze.

(to be continued)

5.7.07 11:24

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