Der Lesefisch

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Wo treibst du dich bloß rum? Seit zwei Wochen versuche ich dich zu erreichen und bekomme nur deine Mailbox zu fassen! Inzwischen verstehe ich mich super mit ihr. Sie heißt jetzt übrigens Anne die zweite.
Meine Finger flogen über die Tastatur. Ich machte mir ernstlich Sorgen um meine Freundin. Ich wusste ja, dass sie ihren eigenen Kopf und ein eigenes Zeitgefühl hatte. Aber seitdem wir uns kannten, hatte noch nie eine derart lange Funkstille zwischen uns geherrscht.
Um den Vorwurf etwas abzumildern, schickte ich einen Smiley hinterher.
Hallo Anne, ich hatte zu tun, kam nach einiger Zeit die ungewöhnlich kurz gehaltene Antwort.
Bevor ich anfing, meine Fragen in die Tasten zu hauen, flackerte der Monitor, und der Text im Dialogfenster begann in Windeseile, die Seite zu füllen.
Ich kam mit dem Lesen kaum hinterher, doch es beruhigte mich. So kannte ich Shari - immer etwas gehetzt, immer über irgendetwas in schiere Begeisterung ausgebrochen. Doch was ich las, ließ mich stutzen.
Liebes, ich habe ein Programm entdeckt, das unglaublich ist. Man kann sich damit seinen eigenen Raum gestalten. Er gehört einem ganz alleine und er sieht genauso aus, wie du ihn dir vorstellst. Und er kann real werden, richtig real, meine ich. Du kannst Leute einladen und wieder rauswerfen, wenn sie dir nicht passen, und wenn du es selbst nicht machen willst, dann erschaffst du deinen eigenen Doorman! Stell dir mal vor, wir können uns alle treffen – alle, die viel zu weit entfernt wohnen, um sich einfach mal so eben zu besuchen. Und ich meine, wir können uns richtig treffen, nicht nur schreiben! Und wir können andere kennen lernen, so wie wir es wollen! Ich habe die ganze letzte Zeit mit diesem Ding gearbeitet – und frag mich um Himmelswillen nicht, wie es genau funktioniert! Jedenfalls habe ich ein Projekt angefangen und es ist beinahe fertig!
Die Buchstabenkaskade kam zum Halt. Der Cursor blinkte stetig und nichtssagend im Fenster. Ich wusste, dass sie jetzt eine enthusiastische Antwort erwartete. Sie kannte mich aber auch gut genug, um zu wissen, dass sie eine solche nicht von mir lesen würde. Um ehrlich zu sein brachte ich nur eines zustande:
???
Nun setzt endlich dein Headset auf, das hier ist viel zu komplex um es zu beschreiben!!!
Der Nachdruck in diesen Worten war für mich nicht zu überlesen und bevor ich meine üblichen Einwände tippen konnte, sprang der Cursor schon munter weiter:
SOFORT !!!
Ein paar Handgriffe später war die intermedielle Comverbindung aufgebaut und aktiviert.
„Hallo Liebes!“ zwitscherte Shari in mein Ohr. „Wie geht es dir? Nicht ärgern, du kennst mich doch – solange du nichts von mir hörst geht es mir garantiert gut!“
„Tja, jetzt wo du es sagst, erinnere ich mich daran“ , schmunzelte ich. „Und nun erzähl schon, was du gerade machst – sonst platzt du noch.“
„Gut, aber ich warne dich – du hast mir gerade Tür und Tor geöffnet.“ Sie lachte auf. Dann jedoch wurde sie ernster und legte mir dar, was sie sich in ihrem etwas verqueren Informatikerhirn ausgedacht hatte.
Währenddessen schweiften meine Gedanken ab zu dem Zeitpunkt, als wir uns kennen gelernt hatten. Wir waren beide im Worldnet unterwegs gewesen. Eines Tages, als ich stundenlang nach Material für ein Referat gesucht hatte, zu einem Thema, welches mir nicht lag, das mir jedoch einen dringend benötigten Leistungsnachweis bringen sollte, hatte ich mich durch die Chatrooms geklickt. Ich brauchte Ablenkung. Dabei stolperte ich über einen Raum - „Sharis wunderbarer Waschsalon“. Aus Neugier blieb ich. Las. Las die Profile der anderen User, las was sie zu sagen hatten. Und spürte das hier eine ganz eigene Atmosphäre herrschte. Keine Spur der niveaulosen, von Rechtschreibfehlern wimmelnden „Unterhaltungen“ in anderen Rooms. Hier spürte man die Vertrautheit derjenigen, die öfter hereinschneiten – und vor allem spürte man Shari. Sie hatte das Glück, einen ungewöhnlichen Namen zu tragen und brauchte sich daher keinen anderen, fiktiven Account zuzulegen. Sie war offen. So offen wie sie mit ihrem Namen umging, so offen ging sie mit ihren Sympathien und Antipathien um. Sie lebte ihre Launen aus, schimpfte, fluchte, trotzte. Alles auf eine Art und Weise, die es einem schwer machte, ihr ernstlich böse zu sein. Sie lachte auch, tröstete, hörte zu und war einfach da. Neulinge, wie ich es einer war, wurden in die Gruppe gezogen und eingebunden. Irgendwann war es selbstverständlich, dass ich mich nach meinen Recherchen einloggte und zu ihr stieß.
Eines Tages waren wir alleine im Raum. Irgendwie verließen wir den Boden der humorigen Unbefangenheit und kamen ins Gespräch. In einer Nacht fand jede von uns die Geschichte der anderen heraus. Wir setzten sie gemeinsam zusammen, verglichen diese zutiefst verschiedenen Lebenswege. Sie waren sich letztlich ähnlicher, als wir gedacht hatten. Die Probleme waren verschieden, doch hatten sie ähnliche Konsequenzen gehabt. Als Folge dessen hatten wir beide niemals einen großen Freundeskreis unser eigen nennen können. Unsere Jugend hatten wir zum größten Teil mit Büchern verbracht und dabei den Mangel konsequent verdrängt, der unsere Pubertät begleitet hatte.
Dabei waren wir uns nicht ähnlich. Shari war meistens fröhlich und von einer naiv anmutenden Heiterkeit, während ich mich zu oft in Grübeleien verstrickte, deren Ergebnis Frustration in Reinform war. Wie sie es geschafft hatte, diese Unschuld zu bewahren, zudem in Kombination mit dem Studium der Informatik, war unerklärlich. Aber sie hatte schon vor einiger Zeit den Entschluss gefasst, nicht allem nachzuforschen, sondern mit einigen Dingen einfach zu leben wie sie nun einmal waren, so dass sie meine Fragen in diese Richtung kurz und bündig und ohne weiteren Kommentar unterband. Shari lachte viel zu gern, etwas, das man selten in der heutigen Zeit antrifft und das von einigen als suspekt betrachtet wird. Die meisten anderen jedoch fühlten sich gerade deswegen zu ihr hingezogen. In dieser Nacht fanden wir auch heraus, dass wir in der gleichen Stadt wohnten. Die Welt ist ein Dorf – in diesem Fall Düsseldorf. Nach anfänglicher freudiger Verblüffung stand schnell fest, dass wir uns real trafen. Dies dauerte jedoch eine ganze Weile, da ich mit der Zeit bemerkte, dass Shari, aus ihrem persönlichen Erleben heraus, die Öffentlichkeit noch immer mied. Dennoch – der Impuls ging von mir aus. Warum sie dem letztlich nachkam, weiß ich bis heute nicht. Es war mir egal. Sie hatte mir beigebracht, nicht alles zu hinterfragen und ich wollte sie endlich einmal live erleben.
An dem Abend, als wir uns zum ersten Mal sahen, stellten wir vergnügt fest, dass wir uns auch im Aussehen komplett voneinander unterschieden. Shari war klein und zierlich. Blondes Haar umrahmte ein dreieckiges Gesicht mit einem spitzen, energischen Kinn. Ihre Nase stak gern einmal in den Wolken, doch nicht aus Arroganz heraus, eher war es ihre typische Hans-Guck-in-die-Luft- Haltung. Zwei lange Strähnen fielen widerspenstig in ihre grünen Augen, zwei Strähnen, die sie mit einer charakteristischen Handbewegung jedes Mal aufs neue bändigte.
Ich selbst fühlte mich in ihrer Gegenwart immer etwas zu viel – in allen Aspekten. Zu groß, zu breit, zu dunkel. Meine Haare hatte ich kurz schneiden lassen, die Brille tat ihr übriges, um mir einen Hauch Strenge zu verleihen, der mir Stärke und Schutz war. Wir waren uns bewusst, dass wir einen seltsamen Anblick darstellten, wenn wir zu zweit unterwegs waren. Doch wir kultivierten genau diese Unterschiede und hatten unseren Spaß dabei.
„Hörst du mir eigentlich zu?“
„Ja sicher – was sagtest du eben? Ich glaube ich habe es nicht richtig verstanden.“
„Das ist doch total simpel. Sieh dir nur die Musik an. Sie wird in Wellen dargestellt, dabei sind es auf dem Rechner nur Impulse. Genauso werden auch die Hirnströme dargestellt. Impulse, die wie Wellen aussehen und die sich auch so speichern lassen. Neuronale Muster - schon mal davon gehört?
Die Methoden heute sind viel weiter entwickelt als damals. Himmel, ich kann mich noch an Zeiten erinnern, als die mich völlig verkabelt haben, nur um festzustellen, dass mein Hirn anscheinend ganz normal funktioniert, was es aber nicht tut! Jetzt gibt es dafür diese Art Kappe, ich habe sie dir sicher mal gezeigt.“
Ja, das hatte sie. Ich erinnerte mich wieder daran. Shari war Epileptikerin, keine klassische – man hatte es nie wirklich nachweisen können. Die Ärzte waren davon ausgegangen, dass die Zeit, die verstrich, bevor sie nach einem Anfall untersucht werden konnte, jeden Beweis vernichtet hatte. Sie hatte mir gesagt, dass dies ungewöhnlich sei, aber nicht zu ändern. Als der Prototyp des mobilen EEGs erfunden wurde, hatte sich Shari als Testperson gemeldet. Nicht unbedingt um einen wertvollen Beitrag an der Gesellschaft zu leisten oder anderen zu helfen, es war vielmehr ihre allgegenwärtige Neugier und die Freude an einem neuen Spielzeug, die sie zu diesem Schritt bewogen hatte. Dass sie durch ihre Ausbildung bedingt, schließlich vom Tester zum Mitglied im Entwicklungsteam avancierte, war das Ergebnis ihrer charmanten Hartnäckigkeit und den offensichtlichen Vorteilen, die sie in ihrer Person vereinte. Natürlich verschwieg sie bei den oberen Stellen den spielerischen Aspekt, den das Projekt für sie darstellte. Das alles hatte sie mir eines Abends augenzwinkernd im ‚Florian’ erzählt, unserem Lieblingsbistro, welches sich, an der Nordstrasse gelegen, ganz in der Nähe meiner Wohnung befand. Ich hatte mich für sie gefreut. Es hatte sich nach einer wirklich sinnvollen Arbeit angehört, die im krassen Widerspruch zu meiner Tätigkeit bei dem größten Mobilfunkanbieter der Stadt stand. Aber was wollte man als frischgebackene Uni-Absolventin schon erwarten? Die ersten Schritte waren immer klein und wacklig, die großen Fische kamen erst später.
„Die Aufzeichnungen werden in einem Chip gespeichert, den der Arzt auswertet. Ich habe mir mal den Spaß gemacht und die Daten auf meinen Rechner überspielt. Schließlich sind es meine Daten und ich kann damit machen was ich will- oder nicht? Oder nicht?“
„Ja, sicher, es sind deine Daten. Und was hast du damit gemacht?“
„Ich habe sie in ein anderes Format konvertiert. Dieses Programm das ich gefunden habe, lässt das Einspeisen der verschiedensten Dateiformate zu – unter anderem auch ganz stinknormale mpXs! Damit soll eigentlich die Hintergrundmusik für den Raum generiert werden, aber ich hab’s ausprobiert und meine Daten eingegeben. Es war –wow- ich weiß gar nicht, wie ich das beschreiben kann! Ich habe meine Gedanken gehört! Irgendwie etwas schizo, aber ich hab mich schnell daran gewöhnt.“
„Schizo? Das klingt ganz und gar durchgeknallt!“
„So schlimm ist es ja nun auch wieder nicht.“ Ihre Stimme nahm einen energischen Unterton an. „Willst du nun wissen was ich dann gemacht habe oder nicht?“
„Ist gut, Liebes, komm, erzähl.“
„Je nun – wenn man die Gedanken schon hören kann, indem man sie als Audio wiedergibt, was würde dann passieren, wenn man in ein Video umwandelt? Ich war fürchterlich neugierig. Und, bei Gott, ich hab gearbeitet wie selten zuvor. Und stell dir vor, ich hab’s geschafft!“
“Was geschafft?“ Langsam hatte ich das Gefühl, wirklich so begriffsstutzig zu sein, wie ich mich anhörte.
„Sieh es dir an“, kam der lapidare Kommentar.                                                                 
Ein Bild flackerte auf meinem Monitor auf. Das Innere eines Waschsalons.
 „Du bist verrückt!“, lachte ich.
„Ich weiß“, kam der trockene Kommentar.„Und nun?“
Im Laufe der nächsten Monate zeigte sie mir, was es mit ihrem Reich auf sich hatte. Täglich schickte sie mir einen Statusbericht ihrer Arbeit, vereinzelt in Form von Screenshots oder als kurze mail. Wenn wir uns am Wochenende trafen, fluchte sie, sich die Haare dabei raufend, über eigensinnige Bits und Bytes, die ein Eigenleben entwickeln würden und nichts lieber täten, als sie, Shari , zu ärgern. Oder sie verwickelte mich in Diskussionen darüber, wie man das Ganze gestalten könne, damit sich die Leute wohl fühlten. Als ihre Pläne Formen annahmen, klang das Ganze eher nach einem Cafe, denn einem Waschsalon, aber sie war nicht von diesem Namen abzubringen. Ich wusste ja auch, warum sie daran festhielt. Für sie war der Waschsalon ein Ort, an dem man sich treffen konnte, musste - ein Ort, den man nicht sofort wieder verlassen würde. Also konnte man auch nicht voreinander weglaufen. Und es kamen die unterschiedlichsten Leute. Gesprächstoff gab es immer: das Wetter, Politik oder die Gretchenfrage, ob man auch Kleidung in den Trockner geben könne, auf deren Pflegelabels das ausdrücklich verboten worden war. Zudem war es der ideale Ort, um schwarze Löcher nachzuweisen, denn auf geheimnisvolle Art verschwanden immer noch Socken, egal wie weit unsere Technik inzwischen gediehen war. Der Waschsalon war ein Teil von Sharis Lebensgefühl, und sie war fest davon überzeugt, dass es andere auch so sahen und dass man diejenigen, die noch nichts davon wussten, unbedingt einweihen sollte.
Nach dreieinhalb Monaten war es dann soweit: Eines Morgens landete eine Mail in meinem Postfach, in der sie mich auf ihre unnachahmliche Art aufforderte, einen Text zur Eröffnung des Raumes zu schreiben. Beigefügt war der aktualisierte Link und ich klickte ihn gespannt an. Vieles hatte sie mir erzählt, aber wenig gezeigt, so dass ich nur ahnen konnte, was mich erwarten würde. Zudem hatte sie im letzten Monat ganz auf die Screenshots verzichtet.
Der Link selbst schien auf eine Site zu führen. Eine Site? Sie hatte doch an sich einen Chatroom im Visier gehabt, schoss es mir durch den Kopf.
Ein Intro spulte sich ab. Es zeigte Shari, wie sie auf einer Strasse stand, zunächst mit dem Rücken zum Betrachter. Sie blickte den Betrachter über die Schulter an und ein verschmitztes Lächeln umspielte ihre Lippen.
Alles sauber?
Dann drehte sie sich wieder um und ging in das Geschäft, vor dem sie gestanden hatte. Die Tür schwang noch eine Weile hinter ihr auf und zu, kam schließlich zum stehen und man konnte den Schriftzug lesen, weiß auf pink. Sharis wunderbarer Waschsalon. OPEN.
Sie ist durchgeknallt, komplett durchgeknallt! Ich lachte, lachte einfach nur und schüttelte den Kopf. Aber warum wunderte ich mich eigentlich noch ?
Klickte man nun auf die Tür in der Nahaufnahme, öffnete sich die Hauptseite, die von einem Fenster dominiert wurde, welche das Interieur zeigte. Es war atemberaubend. Eine derartig gelungene Mixtur aus Scheußlichkeiten der späten Siebziger des letzten Jahrhunderts hatte es selten gegeben. Der Grundton war rosa in allen Varianten und wo hatte man schon Industrietrockner mit Straußenfedern verziert oder Waschmaschinen in pinkfarbene Flokatis verpackt gesehen?
Es gab eine Leseecke, eine schwül wirkende Couchgarnitur, kleine Cocktailtische, einen Tresen mit einer umlaufenden Messingstange und einer CoffeeBar dahinter und an der Decke war ein Fernseher montiert. An einer Wand drapiert war das einzige Hochmoderne in diesem Raum zu finden, eine textile Videowall. Mit verschiedenen Steuersymbolen neben dem Hauptfenster konnte man den Raum aus allen möglichen und unmöglichen Perspektiven betrachten. Zusätzlich war ein Texteingabefeld vorhanden. Verschiedene Links im Frame verwiesen auf die Raumregeln, auf die Technik, die dahinter stand, und auf etwas, das man früher einmal Gästebuch genannt hatte.
Der auffälligste Button prangte oben links – die Registrierung und das Log In.
Ein Bild wurde gefordert, sowie eine Probeaufzeichnung der Stimme. Beides gab ich wie gewünscht ein. Als letzter Schritt wurde abgefragt, ob man als Viewer, Writer, Speaker oder als Buddy in Erscheinung treten wolle. Ich entschied mich für die Option Writer und gab nach Abschluss der Registrierung ein zögerndes „Hallo“ ins Textfeld ein. Das Wort erschien in großen Lettern auf der Videowall, die man per Mausklick auch dauerhaft auf dem Monitor in einem extra Fenster fixieren konnte. Ich griff zum Telefon.
„Ich hab mich schon gefragt, wann du anrufen würdest!“ Shari klang atemlos. „Wie gefällt es dir?“
„Ich bin baff. Wirklich. Es ist zu pink, aber es ist – WOW!“
„Wart mal“, lachte sie und legte auf.
Ich sah indigniert auf den Hörer, wandte dann den Blick jedoch wieder zum Monitor.
Auf einem der Barhocker saß nun eine weibliche Person mit ..meinem Gesicht. Hinter dem Tresen stand Shari und lachte über das ganze Gesicht.
„Willkommen Süße!“ Die Lautsprecher gaben ihre Stimme so wirklichkeitsgetreu wieder, dass ich sie neben mir wähnte.
Und nun? tippte ich ein. Während die Worte auf der Wall erschienen, schien die Person mit meinem Gesicht zu Shari zu sprechen, doch war nichts zu hören.
„Ahje, du hast dich nur als Writer optionalisiert?“ Enttäuschung klang in ihrer Stimme mit. „Änder das mal eben in Speaker bitte.“
Ich saß vor dem Rechner und schüttelte staunend den Kopf, tat aber wie geheißen und tippte wiederum: Und nun?
Die Worte waren immer noch zu lesen, doch gleichzeitig kamen sie aus den Lautsprechern. Nicht ganz so lebensecht wie Sharis Stimme, aber immer noch von einer hohen Qualität.
„Schon viel besser. Und wenn du nun das Headset anschließt brauchst du gar nicht mehr an die Keys, das macht dann alles die Spracheingabe.“
Wir probierten es aus. Nach zwei Stunden hörte ich Knöchel auf Holz klopfen und sah erschrocken zur Tür.
„So fröhlich, Frau Engels?“ Mein Abteilungsleiter stand im Türrahmen. Er sah wie immer unverschämt gut aus, aber nicht so locker wie sonst. Eher glich er einem zu Fleisch gewordenen Ausrufungszeichen, das mich an die Arbeit gemahnte. Wenn ich ehrlich zu mir war, wollte ich gerade diesen Vorgesetzten nicht enttäuschen – aus Gründen, die mir erst in den vergangenen Wochen nach und nach klar geworden waren. Also beendete ich hastig das Gespräch mit Shari.
Da sich Shari mit einer klaren, informativen Sprache immer etwas schwer getan hatte, schrieb ich das Readme für die User. Sie verbesserte unterdessen die Bedienung der Site. Dann war es so weit. Der Waschsalon sollte endgültig on gehen. Wir sahen uns relativ wenig in dieser Zeit. Doch das war okay, denn sie hatte mich mit der Begeisterung für ihr Projekt angesteckt. Wir fieberten nun beide dem Tag X entgegen. Zwischendurch hatte ich sie noch einmal gefragt, wie das alles genau funktionieren würde, aber sie hatte die Frage abgeblockt und gemeint, das zu viel Wissen vom Wesentlichen ablenken würde. Und das Wesentliche sei zur Zeit die Eröffnung.
Befragt nach der Buddy-Funktion, erklärte sie, dass dies wohl zu Beginn nur sehr wenige nutzen würden, schließlich gab nicht jeder gern seine neuronalen Muster preis, aber das sei auch gar nicht erforderlich. Als Writer und Speaker könnte man auch seinen Spaß haben. Warum sie die Funktion dann überhaupt eingebaut habe? Sie wolle einfach bereit sein, war die Antwort, und wir beließen es dabei.
Am 24.März 2025 um 20 Uhr war es dann so weit – Shari ging online. Wir hatten gute Arbeit geleistet, viele der Bekannten waren da, meist als Writer. Und sie hatten wiederum ihre Bekannten mitgebracht. Der Waschsalon füllte sich zusehend. Das Fenster zeigte ein Gewimmel von generierten Männlein und Weiblein, die sich außer den verschiedenen Gesichtern bis aufs Haar glichen. Manche Gesichter wiederholten sich dann aber doch, denn viele User wollten ihr wahres Aussehen verbergen und hatten anstatt eines persönlichen Bildes das ihres Idols eingegeben. Und so traf man auf recht viele O’Maniacs, dem zur Zeit angesagtesten Popsänger überhaupt. Es war amüsant zu sehen, wie sich Normalos ganz harmonisch mit Gothics mischten, wie Toonies mit Mangaprotagonisten plauderten oder wie Diven und wilde Rebellen über Fleckentferner diskutierten.
Zu Beginn gab es nur wenige, die sich als Speaker profilierten, doch diejenigen, die es taten, animierten die anderen nachzuziehen. Die Videowall wurde immer mehr vernachlässigt. Sie zeichnete zwar getreu alles auf, was durch die Spracheingabe hörbar war, aber kaum einer las dort mit, denn man hatte seinen Gesprächspartner im Ohr. Die Figuren gewannen an Vertrautheit, je öfter man sie on sah.
Das ganze Projekt wirbelte ziemlichen Staub unter den Fachleuten auf, doch Shari hatte kein Interesse, es in Talkshows zu verheizen und blockte daher konsequent ab, wenn Journalisten sich an ihre virtuellen oder realen Rockzipfel hängten. Mehr als einmal enttarnte sie einen Schreiberling, der im Waschsalon undercover recherchieren wollte und warf ihn im hohen Bogen heraus. Für sie war es eine Privatsache.
Nach einem halben Jahr schloss sie den Raum für zwei Tage, um ihn zu optimieren, was einen Run auf unsere virtuellen Briefkästen nach sich zog. Sie war glücklich darüber, auch wenn sie weitere zwei Tage brauchte, um jede Mail zu beantworten. Die Wiedereröffnung wurde entsprechend gefeiert und als Highlight wartete der Raum nun mit der Option einer dreidimensionalen Charaktergenerierung auf. Inzwischen kannten sich die meisten User untereinander. Die Scheu, sich zu zeigen, war geringer geworden. Es ließ sich im Gegenteil eine Tendenz erkennen, sich so zu präsentierten wie man war. Das lag nicht zuletzt an den vielen Gesprächen, die Shari mit Vorliebe im Lotussitz auf den beplüschten Waschmaschinen führte.
Wir hatten es uns zur Regel gemacht, den Raum abwechselnd zu betreuen, damit jeder von uns ausreichend Zeit für sich hatte. Grundsätzlich war er jeden Tag ab 18 Uhr geöffnet. Bis 23 Uhr wenn ich „Dienst“ hatte, mit offenem Ende, wenn Shari anwesend war. Meistens schaute die eine aber auch immer zumindestens auf einen Sprung bei der anderen vorbei. Unsere Abende unterschieden sich eindeutig. Shari hatte das Talent, alle einzubeziehen. Lachen, Flirten, das war ihr Gebiet. Bei mir fanden sich diejenigen, die über Gott und die Welt philosophierten und dabei dennoch immer ein wenig Distanz bewahrten. Shari fand diese Mischung ideal. Nicht selten saß sie nach stürmischen Begrüßungsarien still bei den Westentaschenphilosophen und saugte das Wissen, welches hier herumgereicht wurde, auf wie ein nasser Schwamm.
Als sie aufgrund der Nachfrage mit einer Morgensession beginnen wollte, nahm ich Abstand davon. Ich musste arbeiten und hatte keine Zeit, sie am Vormittag zu unterstützen. Sie meinte, das würde in Ordnung gehen, sie wolle auch nur an zwei Tagen öffnen. Zu dem Zeitpunkt hatten wir schon viele gute Freunde, die wir zwar noch nie live getroffen hatten, die aber jeden Abend da waren - lebendes Interieur, sozusagen.
Nachdem sich herumgesprochen hatte, was Shari vor hatte, meldete sich eine unserer treuen Seelen und erklärte sich bereit, an drei Tagen die morgendliche Sitzung zu übernehmen. Shari vertraute ihr. Auch ich hatte keine Einwände – wobei ich mich manchmal fragte, warum meine Meinung überhaupt gefragt war. Schließlich war das Ganze Sharis Baby. Aber ich freute mich, dass sie mich in all diese Fragen derart einbezog.
Unsere realen Treffen waren wichtig, doch anscheinend nicht mehr so wichtig wie früher. Immer öfter ließen wir sie ausfallen, sei es, dass ein Freund Geburtstag hatte und ihn online bei uns feiern wollte, sei es, dass Shari unbedingt Schlaf nachholen musste oder dass sonst irgendetwas dazwischen kam. Der Prozess war schleichend, ich bemerkte es nicht gleich. Erst als ich eines Tages meine Monatsabrechnung der VoiceCom.inc durchsah und feststellte, dass ich Shari nicht einmal angerufen hatte und auch nicht von ihr angerufen worden war, stutzte ich. Ich sah die Mails durch, dort war alles in Ordnung. Jeden Tag hatten wir Kontakt, doch als ich genauer las, begann ich zu grübeln. Es drehte sich alles um den Raum, um Störenfriede, denen wir Ignorationmarks verliehen hatten, um Leute, die wir stärker einbinden wollten, die Shari fördern wollte. Es waren lange Mails über persönliche Probleme geschrieben worden, doch es ging dabei kein einziges mal um uns.
„Liebes – ist bei dir alles klar?“ Meine Stimme klang besorgter als ich es wollte.
„Sicher doch, warum fragst du?“ Shari klang seltsam, atemlos wie immer im ersten Moment, doch unter der Oberfläche gereizt.
Ich stockte. Eine gute Frage. Warum? Sah ich sie nicht jeden Abend? Sah ich nicht, wie sie einer kleinen Supernova gleich strahlte?
„Süße, ich weiß ja nicht was du hast, aber ich hab hier Gabriel sitzen und dem geht es echt schlecht. Ich kann ihn nicht alleine lassen. Lass uns später reden, ja?“
„Sicher, Gabriel geht vor. Du machst das schon. Grüß ihn von mir.“
„Werde ich machen. Und, Süße? Nicht so viel grübeln! Pass auf dich auf!“ Ihr Lachen klang lange in mir nach.
Ich schaute noch einmal im Salon vorbei, sah die beiden in der Seufzerecke und verabschiedete mich kurz bei den anderen. Ich wollte offgehen. Heute war ich no fun, wie Shari zu sagen pflegte.
Ein paar Minuten später klingelte das Telefon, Shari war am Apparat.
„Süße, könntest du einspringen? Gabriel raubt mir zwar den letzten Nerv hier, aber wie gesagt, ich hab ihm versprochen zuzuhören. Aber der Raum ist voll – würdest du bitte?
„Nur weil du es bist.“ Das Lächeln kostete Kraft.
„Wenn du nicht willst, sag es ruhig, dann rufe ich Mel an. Sie würde es auch machen, obwohl ihr Kleiner krank ist.“ Shari klang nachdenklich und ich konnte sie förmlich vor mir sehen, wie sie an der Unterlippe kaute und in Gedanken alle möglichen Leute durchging, die sie aktivieren könnte.
„Musst du nicht, ich übernehme“
„Du bist wirklich ein Schatz - weißt du was? Sobald Mel wieder Zeit hat, gehen wir aus, ja?“
„Machen wir.“ Das Lachen fiel jetzt nicht mehr schwer. Der Abend auch nicht.
Mels Sohn hatte eine kapitale Lungenentzündung, was sie für längere Zeit vom Rechner fern hielt, doch nach zwei Wochen war es soweit. Shari und ich hatten uns fest vorgenommen, die Altstadt unsicher zu machen. Es gab so viel zu erzählen, so viel, dass zu kurz gekommen war. Sie wusste zum Beispiel nicht, dass mein Vorgesetzter mich endlich nicht nur als Arbeitskraft wahrgenommen hatte. Wir hatten inzwischen schon zweimal zusammen zu Mittag gegessen. Aber das waren Dinge, die ich ihr nicht zwischen Tür und Angel erzählen wollte, heute war der richtige Tag. Außerdem hatte ich sie öfter mit diesem Gabriel zusammen gesehen und war gespannt, ob da mehr hinter steckte oder nicht. Als wir uns zunächst in unserer früheren Stammkneipe trafen, erkannte ich sie beinahe nicht. Ihr Blick wirkte unstet, sie hatte tiefe Augenringe, das Haar, auf das sie immer stolz gewesen war, hing ihr in leicht fettig wirkenden Strähnen ins Gesicht. Die Kleidung war zerknittert. Insgesamt verströmte sie einen Eindruck unterschwelliger Verwahrlosung, die im letzen Moment übertüncht worden war. Ich verbarg meinen Schock so gut es ging, aber sie hatte einen äußerst scharfen Blick - schwieg jedoch zu der unausgesprochenen Frage.
Das Gespräch kam nur schleppend in Gang. Wir taten, als sei nichts, doch obwohl wir uns an die alten Rituale hielten, schien etwas zwischen uns zu stehen. Irgendwann holte ich tief Luft.
„Dieser Raum ist ein Dieb.“
„Wer ist ein Dieb?“ Shari blickte mich verwirrt an, ein deutliches Zeichen, dass nur ihre Hülle anwesend war.
„Dein Waschsalon“, wiederholte ich langsam. „Er stiehlt mir meine Freundin. Er stiehlt ihr Leben. Er frisst dich auf.“
Shari sah mich an. Ihre Augen verengten sich.
„Du weißt ja nicht was du da redest. Du bist doch nur neidisch. Ja, neidisch. Ich habe es die ganze Zeit gewusst!!
Sie warf ihre Serviette zornig auf den Tisch, die Worte, die zwischen uns hingen, hatte sie mit einem Zischen hervorgestoßen, das ich so noch nie an ihr gehört hatte.
„Neidisch?“ Ich sah sie ungläubig an. „Wie kommst du denn darauf?“
„Du bist immer so kühl. Du weißt doch gar nicht, worum es bei diesem Projekt geht. Immer Abstand, immer Distanz. Diskutieren, ja - aber sich auf die Menschen einlassen? Das kannst du nicht. Warum kommen sie wohl lieber zu mir als zu dir? Hast du eigentlich bemerkt, dass dein sogenannter Zirkel immer kleiner wird? Und eines sage ich dir, ich habe zu hart dafür gearbeitet, als dass ich es mir von dir kaputt machen lasse. Ich nehme dich raus, Mel wird deinen Platz einnehmen. Sie hat’s drauf.“
Sie erhob sich und warf ihre Zeche auf die Tischplatte.
Ich stand ebenfalls auf, versuchte sie an der Schulter zu fassen, doch sie riss sich los.
„Ich habe wirklich gedacht, wir hätten heute Zeit für uns. Für uns, verstehst du nicht Shari? Aber es gibt dich ja gar nicht mehr!“
Sie drehte sich noch einmal zu mir um.
„Dass du dich da mal nicht irrst, Anne. Nur weil du nicht aus deinen eingetretenen Wegen heraus kannst, muss ich mich davon nicht aufhalten lassen. Pass auf dich auf.“
Die Tür fiel ins Schloss. Ich sank auf meinen Stuhl.
Pass auf dich auf. Diese Worte hatten noch nie so kalt geklungen. Es war ein Hohn, nur noch eine hohle Floskel, ein Automatismus ohne Wert.
Mir war schlecht.
Wir hatten keinen Kontakt mehr, obwohl wir uns täglich sahen. Immer öfter saß ich vor dem Monitor und betrachtete das Treiben als Viewer, ohne einzugreifen. Vielleicht hatte sie recht. Vielleicht war ich zu distanziert, vielleicht war ich zu kalt. Vielleicht hätte ich doch den Switch zum Buddy vornehmen sollen, wie sie mich zu Beginn immer und immer wieder gedrängt hatte. Aber ich hatte mich nie an die Vorstellung gewöhnen können, die Kappe zu tragen und mein Hirn auf diese Weise an das Netz anzukoppeln. Den letzten Schritt hatte ich nicht gewagt. War es also doch meine Schuld? Ich saß da und beobachtete. Ein geübter Blick konnte die dreidimensionalen Speaker von den Buddies unterscheiden, die sich allesamt freier zu bewegen schienen. Sie schwiegen gerne einmal, sie mussten ja auch nicht sprechen, um sich zu verstehen. Die Hinterzimmer, die Shari inzwischen geschaffen hatte, wurden häufig frequentiert. Von Buddies natürlich.
Nachdenklich las ich den Advertiser für das NETCAP.DE. Es wäre so einfach. >Bestell mich<, schien das Ad zu flüstern. >Bestell mich und tauch’ ein in die Welt. Werde ein Teil von uns.<
Nach zwei Wochen hielt ich es nicht mehr aus. Wieder einmal saß ich vor dem Monitor, sah Shari, die anderen, eine eingeschworene Gemeinschaft, die mich zwar willkommen hieß, zu der ich aber schon längst nicht mehr gehörte.
Meine Finger glitten über die Tastatur. Gerade als ich die Bestellung absenden wollte, klingelte mein Telefon.
„Ja?“
„Ich bin’s.“
„Hallo Liebling.“ Ein Lächeln glitt über meine Züge, und einer noch frischen, aber starken Gewohnheit folgend, minimierte ich den Monitor.
Nach dem Gespräch stellte ich ihn wieder her. Das Formular war inzwischen wegen eines Runtime-Errors ungültig geworden, aber das war nun egal. Ich würde in den nächsten zwei Monaten keine Gelegenheit haben, NETCAP auszuprobieren. Josh, der Mann, der inzwischen etwas mehr als mein Vorgesetzter war, hatte mir eben ganz beiläufig erzählt, dass ein Auftrag ihn im Zuge der internen Umstellung des Unternehmens nach Japan entführen würde. Mit mir. Er hatte es geschafft, mich in sein Team für International Roaming, Abteilung Marketing, zu schleusen. Ich war happy, goddam happy. Japan, Josh – die Herausforderung überhaupt. Ich freute mich auf den Trip.
Wir hatten einen Monat Zeit, um uns vorzubereiten. Papiere beantragen, Koffer packen, Nachsendeantrag für Letters4U stellen, die Wohnung untervermieten, all diese kleinen Lästigkeiten, die so viel Zeit in Anspruch nahmen.
Am letzten Abend loggte ich mich ein. Der Waschsalon quoll aus allen Nähten, ich sah neue Gesichter neben den altbekannten Verdächtigen und in ihrer Mitte Shari. Diesmal hatte ich mich als Speaker optionalisiert und begab mich plaudernd in die Runde. Man hieß mich mit ehrlicher Freude willkommen. Mein ‚sogenannter’ Zirkel komplettierte sich binnen fünf Minuten, nachdem man mich gesichtet hatte. Wir zogen uns in ‚unsere’ Sitzecke zurück. Und sie quetschten mich aus. Wo ich gewesen war, was los gewesen sei, man hätte sich Sorgen gemacht, aber Shari hätte ihnen ja immer versichert, dass alles im grünen Bereich gewesen sei. Wohin wolle ich? Schon entspann sich eine Diskussion um die neuesten Schutzimpfungen, die neuesten Seuchen, die politische Lage und andere Gefahren. Zu meinem Erstaunen stellte ich fest, wie wohl ich mich bei ihnen, mit ihnen fühlte. Mein besonderer Spezi knuffte mich schließlich leicht. Ich würde ihnen doch irgendetwas verschweigen. Als ich dann zunächst widerstrebend Josh’s Namen nannte – ich hatte ihn ganz bewusst aus diesem Zirkus herausgehalten – spürte ich eine vertraute Gestalt hinter mir. Ich sah mich um. Shari lächelte überraschend sanft.
„Warum hast du mir nicht schon längst davon erzählt?“
Ich wollte sie nicht in dieser Runde an unser letztes Gespräch erinnern, außerdem war ich viel zu glücklich um an alten Wunden zu rühren, daher winkte ich leise lachend ab.
„Ist schon gut, Liebes.“
Sie neigte ihren Kopf und ich hatte das Gefühl, meine Freundin wieder zu haben.
„Ach komm her“, lächelte sie, die Arme ausbreitend.
Und während ich vor dem Monitor saß und sah, wie sich Shari und mein künstliches Ich sich in die Arme fielen, war es fast so, als ob ich es wirklich spüren könnte.
Wir redeten bis tief in die Nacht, wir redeten so lange, bis der Wecker klingelte, den ich mir zeitig genug gestellt hatte, um pünktlich am Flughafen zu sein. Der Moment der Verabschiedung war gekommen und ein letztes Mal umarmten wir uns.
„Pass gut auf dich auf, Liebes!“
„Und du auf dich.“
Ich loggte mich aus.
Das Flugzeug setzte sanft auf. Josh blinzelte mir zu und löste seine Hand aus meinem verkrampften Griff. Alles war gut gelaufen. Unseren Job hatten wir bravourös erledigt, unsere Beziehung hatte sich selbst in den Zeiten hochgradigen Stresses weiter entwickelt und ich fragte mich, warum ich mir je Sorgen gemacht hatte. In der ganzen Zeit hatte ich kein einziges Mal den Salon besucht. Shari aber hatte ich nicht vergessen, im Gegenteil. Ich hatte ihr unglaublich viel zu erzählen.
Als wir unser Gepäck ergattert hatten und wohlbehalten durch die Kontrollen gelangt waren, hielt ich daher inne.
„Fahr vor, Josh – ich will vorher noch kurz bei Shari vorbei schauen. Und wenn ich sie eigenhändig in die Wirklichkeit zurückholen muss!“ scherzte ich fröhlich. „Diesmal wird sie mir nicht entkommen.“
Er grinste. Er wusste inzwischen alles über Shari, über das Projekt. Wir hatten lange Nächte Zeit gehabt, um zu reden. Er verabschiedete sich mit einem liebevollen Kuss, und wir stiegen jeder in das eigene Taxi.
Der Fahrer hielt an der angegebenen Adresse. Für einen entsprechenden Sondertarif versprach er, vor dem Haus zu warten, inklusive meines umfangreichen Gepäcks. Ich griff mir nur das Paket, das für Shari bestimmt war, zog die Zweitschlüssel aus der Tasche und sprang die Stufen empor. Im Flur stutze ich. Sharis Briefkasten quoll über. Ich nahm die Briefe, die aus dem Schlitz lugten, heraus, und sah flüchtig auf die Adressaten. Es waren zumeist Schreiben der Werbepartner des Waschsalons, die Shari inzwischen ein gutes Leben ermöglichten, nachdem sie ihren Job an der Uni Düsseldorf wegen einer Verschlimmerung ihrer Epilepsie schon lange verloren hatte und ihr der Amtsarzt angeraten hatte, sich einen Arbeitsplatz fern jedweder Monitoren zu suchen. Etwas, das für sie natürlich nicht denkbar war. Hin und wieder gab es wirkliche Briefe, verziert mit Hieroglyphen, welche die Phantasie des Briefkuriers strapaziert haben mussten. Einige Mahnungen waren auch darunter. So bepackt stieg ich die Treppe empor, hoch zur vierten Etage, wo das selbe farbenprächtige Bild wie immer den Namen der Bewohnerin preisgab. Ich steckte den Schlüssel in das Schloss. Bevor ich die Tür öffnete, klingelte ich - dreimal kurz, zweimal lang. Ich hatte unser altes Signal nicht vergessen. Während ich jedoch vor der Tür stand, nahm ich einen leicht säuerlichen Geruch war. Mich fragend, woher er käme, trat ich ein. Am liebsten wäre ich wieder rückwärts aus der Tür gefallen. Was im Flur nur eine Ahnung war, verdichtete sich jetzt zu einem Hauch des Verfalls.
„Shari?“
ich kämpfte den Ekel hinunter und wagte mich weiter vor. Das Licht im Flur funktionierte nicht, mal wieder nicht. Die Birne musste durchgebrannt sein. Der Blick durch den Glasperlenvorhang, hinter dem die Küche lag, zeigte ein Chaos. Das allein war nicht ungewöhnlich für Shari, so war sie nun einmal. Die Tür zum Badezimmer war angelehnt.
Es war kein Ton zu hören. Angst kroch in mir hoch. Die altbekannte Faust, die ich so lange nicht mehr gespürt hatte, presste langsam aber unerbittlich meinen Magen zusammen. Das Schlafzimmer schien verwaist. Was war hier nur los?
Den Flur hinuntergehend, an dessen Ende sich das Wohnzimmer befand, wurde ich immer langsamer. Die Tür war geschlossen. Unter der Tür war ein bläulich flackernder Lichtstrahl zu sehen Nun konnte ich auch leise Musik hören, das Lieblingsstück von Shari. Diese eine hypnotisierende Melodie, die ich noch nie wirklich gemocht hatte. Zögernd hob ich die Hand ließ sie über der Klinke schweben. Vielleicht war sie auch gar nicht da, vielleicht war sie einkaufen und ich machte mir umsonst Sorgen. Ich schalt mich eine Närrin, die in ihrer Jugend zu viel Horrorfilme gesehen hatte.
„Shari?“, versuchte ich es probeweise. „SHARI?“
Mit einem Ruck stieß ich die Tür auf.
In dem bläulichen Halbdämmern, begleitet von „Quirras Dance“, saß sie vor dem eingeschalteten Monitor. Der Bildschirmschoner lief, ein blauer Strudel auf schwarzem Grund, der sich träge ausdehnte, auf einen Lichtpunkt zusammenschrumpfte, um dann wieder zu explodieren. Auf dem Kopf die NETCAP, von der aus ein Kabel zum Rechner führte, neben sich einen Infusionsständer, von dessen leerer Flasche ein Schlauch zu einer festsitzenden Braunüle auf ihrem Handrücken führte, die perverse Analogie eines Kabels. So fand ich sie vor. Das Zimmer, sie, war der Ursprung des Geruches, an den sich mein Hirn scheinbar langsam gewöhnte. Der Ekel wallte noch einmal flüchtig auf, dann machte er der Erkenntnis dessen Platz, was sie getan hatte.
Ich schlug mit der flachen Hand auf den Lichtschalter, präzise Bewegungen waren im Augenblick nicht möglich. Der grelle Schein zerriss die Dunkelheit und enthüllte die Überreste der letzten Monate. Doch das war egal, wichtig war jetzt nur Shari, die leblos im Stuhl hing. Ich lief zu ihr.
Die Augen geschlossen, die Atmung kaum wahrnehmbar, verriet nur das Zucken ihrer Lider, das noch Leben in dieser Lumpenpuppe war.
„Was soll ich tun?“, flüsterte ich, keine Antwort erwartend. “Was?“ Ich wusste es nicht. Sollte ich ihr die Kappe vom Kopf reißen, auf die Gefahr hin, irgendetwas unwiderrufbar zu zerstören? Nein! Ich suchte auf ihrem Schreibtisch herum. Neben überquellenden Aschenbechern, vertrockneten Brotresten, einer vergammelten Tomate und saurer Milch fand ich das User’s Manual von NETCAP.DE. Ich zwang mich zur Ruhe, auch wenn alle Zeichen auf Panik standen, suchte, las, suchte weiter – bis ich zu der Stelle kam, in der die Trennung der Verbindung detailliert beschrieben wurde.
Ich wusste nicht, wie lange sie auf diese Art ununterbrochen im Netz war, mit Sicherheit aber länger als 48 Stunden. Code A lag vor. Meine Finger zitterten, als sie über die Tasten huschten. Ein Fehler und Sharis Ich würde nicht mehr sein, würde in das Worldnet eingehen und dort zerfasern.
„Du hast was getan?“
„Ich habe den Raum geschlossen.“ Meine Stimme war ruhig, auch wenn es mir schwer fiel.
„Du hast was getan?“
„Shari...“
„Das kannst du nicht tun! Das darfst du nicht.“ Ihre Stimme erstarb, brüsk wandte sie den Blick zum Fenster.
„Geh.“
Ich spürte Josh’s Hand auf meiner Schulter. Ein leichter Druck nur, als Zeichen das er da war. Ich erhob mich langsam.
„Ich werde morgen wiederkommen.“
„Ich will dich nicht sehen.“ Die Bitterkeit war abgrundtief.
Ich blickte zu dem Arzt, der die ganze Zeit hinter uns gestanden hatte, bereit bei etwaigen Komplikationen einzugreifen. Sein Blick bedeutete, dass es genug für heute sei.
An der Tür sah ich zurück zu Shari, wie sie dort im Bett lag, weiß wie die Wände um sie herum und unwirklicher als gesund für sie war. Es würde viel Zeit brauchen, um aus diesem Alptraum zu erwachen.
Zeit. Ich würde sie ihr verschaffen.
„Du willst was?“ Josh sah mich ungläubig an. “Das glaube ich einfach nicht.“
„Bitte Josh, es ist ihr Leben.“ Verstand er es nicht?
„Es war gut, dass du den Raum geschlossen hast. Lass die Zeit den Rest erledigen. In ein paar Wochen haben sich die Freaks einen anderen Ort gesucht. Wenn du mich fragst, ich würde ihn ganz löschen. Du weißt, dass es besser wäre.“
„Nein, es wäre nur eine Flucht. Aber wir können nicht weiter davon laufen. Löschen wir den Raum, wird keiner daraus lernen. Josh, ich habe bereits einen Monat Sonderurlaub beantragt.“
„Und deine Arbeit? Unsere Arbeit?“
„Die Arbeit ist egal“, murmelte ich. „Außerdem bist du da. Ich weiß, dass alles gut gehen wird. Wir haben in Japan so viel vorbereitet, du brauchst mich nicht für die direkte Umsetzung. Aber Shari, Shari liegt da drinnen und….“ Tränen bahnten sich ihren Weg, ohne dass ich es hätte verhindern können.
„Überleg es dir noch einmal, Liebes – bitte“, er legte seinen Arm um mich, tröstend, stützend. „Du bist durcheinander. Komm erst einmal zur Ruhe. Und was du dann machst, wird richtig sein. Ich vertraue dir.“
Er brachte mich nach Hause. Seinen Vorschlag, zu ihm zu ziehen lehnte ich ab. Ich wollte in meinen vier Wänden sein. Er verstand es, nachdem ich ihm versichert hatte, dass er jederzeit bei mir vorbeikommen könne. Als Zeichen dafür drückte ich ihm meine Zweitschlüssel in die Hand. Er rang mir das Versprechen ab, ihn jederzeit anzurufen, wenn es mir schlecht ging. Dann war ich alleine. Blickte mich in meiner Wohnung um, die seltsam kalt wirkte. Jetzt erst fiel mir auf, wie kalt sie immer schon gewesen war. Ich ging ins Schlafzimmer und packte meine Koffer aus, die seit dem Tag zuvor unbeachtet im Flur standen. Ich arbeitete wie ein Roboter. Ein Teil von mir schien mich dabei zu beobachten, ein anderer Teil war in hektische Planungen vertieft. Was nun? Was als nächstes machen?
Shari fehlte mir.
Ich verzog mich in meinen Lieblingssessel und weinte.
Irgendwann musste ich eingeschlafen sein. Denn es war die Dämmerung, die durch die Fenster herein spähte, als ich mit einem Ruck wieder aus dem Niemandsland zwischen Schlafen und Wachen auftauchte und wusste was zu tun war.
Am gleichen Abend noch zog ich bei Shari ein. Josh hatte ich am Telefon erklärt, dass es so besser sei, ich wolle mich um die Wohnung kümmern, um die Rechnungen. Es würde länger dauern und ich wolle nicht jeden Morgen durch die halbe Stadt fahren. Er sagte nichts weiter dazu, fragte mich aber, wie er mich erreichen könne und ich verwies ihn auf das MobileCom. Außerdem hätte ich ihm ja versprochen, dass ich mich melden würde. Er solle sich nicht sorgen, sein Kopf würde gebraucht. Ich würde auf mich aufpassen.
Den ersten Tag verbrachte ich damit, klar Schiff zu machen. Ich hatte irgendwann die Übersicht verloren über die Anzahl der Müllsäcke, die ich aus der Wohnung schaffte, aber es war egal. Keine Zeit für Statistiken, jetzt wurde gehandelt. Dass ich dabei die Fragen erfolgreich ignorieren konnte, die sich förmlich aufdrängten – Wie konnte es soweit kommen? - Warum habe ich nichts bemerkt? - Warum hatte sie nicht… – war ein willkommener Nebeneffekt. Es war müßig darüber zu spekulieren. Was geschehen war, konnte man nicht mehr ändern.
Am späten Nachmittag fuhr ich in die Klinik. Shari schlief. Als sie erwachte sah sie mich an.
„Was macht…?“
„Er ist geschlossen.“
Ihr Blick tat weh. Eine solche Leere war mir noch nicht begegnet und sie nagte schmerzhaft an mir.
„Ich hatte noch keine Zeit…“
Sie schwieg.
Am Abend strolchte ich um ihren Rechner, ohne dass es mir wirklich bewusst war. Schließlich setzte ich mich doch, schaltete ihn ein und rief meinen Account ab. Das Postfach präsentierte mir eine unglaubliche Ziffer im Mail–Eingang, und die kurze Übersicht zeigte mir das Credo.
WO IST SHARI?
Es half nichts, ich musste den Raum öffnen, ich musste ihnen sagen was los war.
Ich redete mit ihnen, lange, ohne wirklich zu sagen, was mit Shari war. Bis zum nächsten Morgen saßen wir zusammen. Sie erzählten mir, wie sich die Lage verändert hatte. Shari war immer länger on geblieben, hatte den Raum offen gehalten. Gabriel erzählte mir, dass er sich zum ersten Mal wirklich Sorgen gemacht hatte, als sie neben ihm eingeschlafen war. Er erklärte mir, wie das NETCAP funktionierte, und langsam verstand ich, wie es soweit hatte kommen können.
Die Daten des Hirnes flossen ungefiltert in das Netz, aber sie beeinflussten nicht nur die virtuelle Welt. Der Effekt trat auch umgekehrt auf. Essen, trinken –alles was man im Netz tat, wurde vom Hirn verarbeitet. Man kannte Hunger und Durst und man konnte ihn stillen, virtuell. Und nicht nur das. Ob ich nun wüsste, warum die Hinterzimmer so beliebt waren? Meine Ahnung bestätigte sich, doch noch konnte ich es nicht nachvollziehen. Der letzte Stein im Puzzle des Verstehens fehlte noch. Ein kleiner Schritt nur- wollte ich das wirklich? Sollte ich es wagen? Furcht stieg in mir auf. Ich loggte mich grußlos aus.
Als ich am nächsten Tag von der Klinik wieder in Sharis Wohnung fuhr, drehten sich die Gedanken im Kreis.
„Du hast es nie verstanden. Nie wirklich. Was willst du mir schon sagen? Du redest von Dingen, die du nicht nachvollziehen kannst.“
Ihre Worte waren nicht vorwurfsvoll, nicht verletzend gemeint, das hatte ich wohl gespürt. Sie hatte nur Fakten genannt. Fakten. Sie hatte recht, ich würde sie nie richtig begreifen, würde die Faszination nicht verstehen, wenn nicht..., wenn nicht.
Am Abend saß ich vor dem Rechner, das User’s Manual in der Hand, die Kappe vor mir auf dem Tisch. Das Photo von Shari klebte am Monitor, von Shari, wie ich sie kennen gelernt hatte. Ihr Lachen gab den Ausschlag. Entschlossen gab ich meine Daten ein, stellte die Verbindung her, eichte die Übertragungsrate und konfigurierte den Timer, der mich zurückholen würde. Der alte Wert lag bei 76 Stunden. Ich korrigierte ihn auf eine Stunde.
Es war unglaublich. Ich konnte zum ersten Mal spüren, wie weich die Couch war, konnte den Duft wahrnehmen, dieses Gemisch aus Zigarettenqualm, Kaffee, etwas anderem, undefinierbaren und dem leichten Hauch von Waschmittel. Ich hörte die bekannten Stimmen, reiner nun, wirklicher noch. Wenn wir uns ansahen, war es Wirklichkeit. Die Arme, die sich bei der Begrüßung um mich schlossen, hüllten mich ein, nahmen mich auf. Gabriel blickte mich an. Willkommen, Anne.
Der schmerzhafte Ruck zurück in die Wirklichkeit, als der Timer die Verbindung unterbrach, hinterließ eine Leere. Ich sah auf den Monitor vor mir, alles war kalt. Mit zitternden Händen wählte ich Joshs Nummer. Es war besetzt. Ich konnte nicht schlafen, also loggte ich mich wieder ein. Stellte den Timer auf drei Stunden, irgendwann musste ich ja müde werden, irgendwann...
Der Schlaf floh meine Nächte. Die Ausreden Josh gegenüber fielen immer dünner aus. Nein, noch sei nicht alles erledigt. Ich müsse noch da bleiben, Ansprechpartner sein. Der Raum würde sich langsam leeren – was eine Lüge war – es liefe alles nach Plan. Ich wusste, dass er mir nicht glaubte. Immer öfter spürte ich seinen Ärger – und auch seine Hilflosigkeit. Er wusste nur zu gut, dass Druck mich schneller von ihm entfernen würde als alles andere. Noch richtete er sich danach, aber ich merkte wie er an seinen Ketten zerrte. Er würde nicht mehr lange ruhig bleiben. Aber so lange war es gut, so lange konnte ich meinen Job machen, hier, online. Liebte ich ihn eigentlich? In den wenigen Stunden, die ich nicht im Netz verbrachte, sehnte ich mich nach ihm. Ich dachte zeitweise daran, meine Sachen zu packen und ihn zu überraschen, ein Wochenende mit ihm zu verbringen, doch dann sah ich den Rechner, sah den Monitor und konnte mich nicht überwinden. Man brauchte mich hier und wer sollte sonst die Zügel in den Händen halten, wenn nicht ich? Mel machte ihre Sache gut, aber ich durfte ihr nicht zu viel aufbürden, sonst würde sie abspringen. Und dann?
Inzwischen hatte ich Sharis Wohnung komplett auf den Kopf gestellt, ihre Verträge durchgesehen, verlängert, gekündigt, Rechnungen bezahlt. Es war alles bereit, sie konnte wieder zurück kommen und einen Neuanfang machen.
Etwas bereitete mir allerdings Kopfzerbrechen. Ich hatte bei den Räumarbeiten ein Lager Kochsalzlösungen und steriles Material – Kanülen, Braunülen, Schläuche und anderes – gefunden. Sollte ich es entsorgen? Es gehörte nicht mir, ich konnte ihr die Entscheidung nicht abnehmen. Ein mittelgroßes zerfleddertes Heft lag dabei und unterbrach meine Überlegungen. Ich begann zu lesen. Es war eine detaillierte Aufstellung über den Verbrauch der Infusionslösungen, über die Beimengungen ihres Antiepilektikums, über die Zusammensetzung von Spurenelementen und Vitaminen. War es wirklich so einfach?
Am Abend setzte ich mir meine erste Braunüle. Als Infusion nahm ich reine Kochsalzlösung, ich wollte ja nicht so lange bleiben, dass sich ein Nährstoffmangel manifestieren konnte.
Es war entspannend, Zeit zu haben, unabhängig vom Timer zu sein. Und als ich mich am frühen Morgen von der Runde trennte, lachend, fröhlich, war der Verbindungsabbruch weitaus sanfter, als ich es bisher erlebt hatte. Gut, sehr gut. Merken.
Ich erzählte Shari davon. Die Begeisterung in meiner Stimme war ansteckend, aber ich selbst bemerkte es nicht. Ich freute mich, Shari endlich wieder lächeln zu sehen. Sie wurde nicht vergessen. Ich richtete ihr die Grüße ihrer Freunde aus, erzählte von den kleinen und großen Dingen, die sich in unserem Reich abspielten. Nebenbei flocht ich die Information ein, dass ich einen weiteren Monat Sonderurlaub eingereicht hatte, weil ihre Ärzte sie noch nicht so schnell wieder gehen lassen wollten, aber sie müsse sich nicht Sorgen. Es würde alles für sie bereit sein, wenn sie sich nur erholt hätte. Ich bemerkte ihr Stirnrunzeln nur am Rande. Ich gab nichts drauf. Ich hatte auch keine Zeit mehr, denn es war schon spät und ich musste zurück an den Rechner. Wenn nur Josh nicht wieder Ärger machen würde! Seit einer Woche war er nun ständig im Salon, erst als Speaker, später dann als Viewer, nachdem er bemerkt hatte, dass ich nicht mit ihm sprach. Was sollte ich auch auf seine Vorwürfe erwidern? Er verstand mich einfach nicht, verstand nicht, warum ich das hier tat. Er störte die Atmo mit seinen Comments. Er war drauf und dran sich eine Ignorationmark einzuhandeln. Wenn er es so wollte, gut. Ich würde es mir nicht mehr allzu lange ansehen. Ich hatte die Verantwortung für den Salon, für seinen Erfolg. Schnell packte ich meine Tasche. Ein flüchtiger Kuss auf Sharis Stirn, eine Umarmung und schon fiel die Tür hinter mir ins Schloss.
„Es reicht. Hör auf mit dem Mist.“ Starke Hände zerrten mich aus dem Stuhl, die Kappe verrutschte, die Verbindung wurde schmerzhaft unterbrochen. Ich stöhnte auf. „Was soll das? Lass mich, lass mich einfach.“ Ich versuchte mich zu wehren, aber ich konnte es nicht. Ein greller Schmerz durchzuckte mich, als die Braunüle aus meiner Hand gezogen wurde. Meine Beine fühlten sich wie Gummi an, wollten mir nicht gehorchen. Ich spürte, wie ich hochgehoben wurde, aber ich war noch nicht wieder bei mir. Schemenhaft sah ich das Wohnzimmer, den Flur. Eine Tür tauchte vor mir auf. Ein Fisch war darauf geklebt und irgendetwas sagte mir, das dies das Badezimmer sei. Nebel umhüllte meine Sinne.
„Nicht einschlafen, bleib hier. Anne, wach bleiben!“
Ich fing einen Duft auf, einen bekannten Duft, warm, herb. Ich erkannte ihn.
„Bin so müde“, murmelte ich. „Lass mich schlafen...“
„Nicht jetzt, Liebling, nicht jetzt.“
Josh, geliebter Josh. Ich schmiegte mich in seine Arme, sog seinen Duft ein. „Wo warst du so lange?“ Ich versank endgültig in der Schwärze..
Als ich erwachte, lag ich im Bett. Die Sonne schien durch die halb geöffneten Jalousien. Neben mir hörte ich ein rhythmisches Geräusch und bewegte den Kopf vorsichtig in die Richtung. Der Anzug war verknittert, die Haare zerrauft, aber es war eindeutig Josh, der da schlief. Ich drehte mich um. Wie war er hier her gekommen? Das war egal, verscheuchte ich die Frage und betrachtete ihn. Ganz egal. Vorsichtig tastete ich nach ihm. Tiefe Sorgenfalten hatten sich in sein Gesicht gegraben und die Augenringe zeugten von Schlafmangel. Durch die leichte Berührung wachte er auf. Ein Blick, ein zaghaftes Lächeln, seine Arme, die mich zu sich zogen und das erneute Versinken in einen tiefen traumlosen Schlaf.
Später weckte uns der Duft frisch gebrühten Kaffees.
„Aufwachen ihr Langschläfer.“ Shari stand mit einem Tablett im Türrahmen. „Die Sonne scheint und es ist ein herrlicher Tag.“
Sie sah mich an. Doch als ich den Blick abwenden wollte, da ich ihn nicht aushalten konnte, kam sie zu uns, setzte sich im Lotussitz auf die Bettdecke, da wo gerade Platz war und nahm meine Hand.
Worte waren überflüssig.
Die folgende Zeit war hart. Es war das Erwachen aus einem langen Schlaf. Die Schritte zurück in die Wirklichkeit fielen schwer, doch wir hatten Glück. Shari, die sich inzwischen physisch vollkommen erholt hatte, begann eine ambulante Therapie. Ich hatte das Glück, Josh an meiner Seite zu wissen, der nicht von mir abließ. Im Gegenteil, er drängte darauf, dass wir zusammenzogen. So lernten wir beide, mit den Bildern der Vergangenheit umzugehen, mit den verschiedenen widerstrebenden Gefühlen. Was am Anfang noch körperliche Schmerzen bereitete – zum Beispiel, wenn das Sehnen nach dem Log In all zu groß wurde –  verblasste allmählich und wandelte sich mit der Zeit zu einer gesunden Distanz. Den Waschsalon gibt es noch heute, allerdings nur an drei Abenden in der Woche und zu festen Zeiten. Die Buddyfunktion wurde deaktiviert, was zunächst wilde Proteste hervor rief. Es sprangen viele User ab, doch ihr Verlust war zu verschmerzen. Nun konnten wir ihn so nutzen, wie es einmal geplant war – als Medium.
Als wir uns letzten Samstag zum Essen trafen, erzählte Shari ganz nebenbei, dass sie sich um den boomenden Markt des Rollenspieles kümmern wollte, persönlich, versteht sich.
Als Josh daraufhin frustriert die Serviette auf den Tisch knallte, wechselten Shari und ich nur einen Blick und brachen in schallendes Lachen aus.
„Ihr seid verrückt.“
„Unglaublich!“
„Ja!“

23.10.06 19:22

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