Der Lesefisch

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Der neue Tag tauchte die Ebene in dieses unerklärliche rote Licht, so wie es nun schon seit drei Sonnenzeiten geschah. Ich saß, hinter einem Felsen verborgen, am Rand der Steilwand, in den Anblick vertieft, der sich mir bot. Die Veränderung des Lichtes war faszinierend. Für mich faszinierend, für die Leute meines Stammes jedoch verstörend.

Als es begann, hatten wir es nicht bemerkt. Die Alten erzählten manchmal am Feuer, wie das Licht dem Tag ganz fern geblieben war. Doch war es stets zurückgekehrt. Diese Lichterspiele waren für sie nicht beängstigend – und damit auch für uns nicht, die wir ihnen lauschten. Als die Veränderungen jedoch nicht mehr zu übersehen waren, fürchteten wir uns. Ein jeder hatte sich gefürchtet, auch ich – aber was sie mieden, was sie zunächst ignorieren wollten, zog mich schon bald magisch an. Während meine Furcht dem Wunsch nach Verstehen wich, begann der Stamm, seine Furcht auf ganz eigene Weise zu verdrängen. Aus Angst wurde Zorn, denn es fehlten Antworten auf die vielen Fragen.

Daher hatten sie die weitere Veränderung nicht gesehen, die das Licht vollzog – allmählich nur, langsam, schleichend.

Seitdem ich denken konnte, war das Licht immer golden gewesen. Ein warmes Gleißen, das uns wärmte und unseren Tag bestimmte. Wir hatten es morgens willkommen geheißen, hatten es den Tag hindurch begleitet mit unserem Tun, um es abends in den Schlaf zu singen. Jetzt aber war es dunkelrot. Seit ein paar Tagen hatte sich ein bräunlicher Schleier hineingewebt, so dass es an getrocknetes Blut gemahnte.

Dies war selbst dem Stamm nicht verborgen geblieben – doch schienen sie nicht den Schmerz zu spüren, der sich mir bei dem Anblick langsam durch die Herzwand fraß. Vielmehr fragten sie, was das Licht mit der Ernte anstellen würde. Nichts gutes, so war die einhellige Meinung, doch was konnte man machen?

Andreos hatte sich in seine Hütte zurückgezogen und nach langen Besprechungen mit Umshi´Ma an diesem Morgen verkündet, dass der Gott, der uns alle bislang so gut behandelt hatte, der uns Nahrung im Überfluss gegeben hatte, Nahrung, die zu unseren Füßen wuchs, nun seinen Tribut einforderte. Er würde etwas verlangen, dass man ihm noch nie gegeben hatte. Er wollte Blut. Und so hatte Andreos die Männer auf die erste Jagd ihres Lebens geschickt, fort von den Feldern, auf denen sie nichts anderes machen konnten, als machtlos zu beobachten, wie sich geronnenes Blut über die Ähren wälzte. Keiner hatte ihm widersprochen. Keiner hatte gefragt, wie sie es anstellen sollten, was sie jagen sollten und womit. Sie waren einfach losgegangen in die nördliche Richtung, fort von der Ragasta, in der die Frauen, Alten und Kinder auf sie warten würden.

Andreos hatte ihnen nachgesehen mit einem Zug um den Mund, den ich nicht deuten konnte. Doch fragen? Andreos fragte man nicht nach seinen Gedanken, dass hatte man noch nie getan. Er wusste durch Umshi`Ma, was unser Heil sein würde.

Als die Männer das Stammesfeuer verließen, um zu erfüllen, was Andreos von ihnen verlangte, ging ich zu diesem Felsen, um nachzudenken und zu beobachten. Ich wusste nicht mehr, wie lange ich nun schon dort saß. Die Zeit ließ sich nicht mehr am Wandern des Lichtes ablesen, nicht so wie wir es gewohnt waren. Es glich inzwischen vielmehr Wasser, das sich in die Täler und Schluchten ergoss. Nur eine diffuse Dämmerung über dem Spiegel dieses Lichtwassers bewahrte uns vor der Dunkelheit der Nacht.

Ich sah auf das Licht, sah, wie es sich langsam an der Steilwand hinauf schob. Um besser sehen zu können, kam ich hinter dem Felsen hervor und setzte mich an die Böschung. Warum mich noch verstecken? Es würde sich niemand her trauen, es gab niemanden, der mich zurück befehligen würde. Die, die es gekonnt hätten, waren nicht mehr da. Sie waren auf einer Wanderschaft. Sie waren auf der Suche nach Blut. Und mein Herz begann wieder zu schmerzen.

Er blickte sich um. Viele lagen im Sterben. Sterben? Was war das? Er wusste es nicht, aber er spürte wie die Dunkelheit an ihm zerrte, so wie an allen hier. Was würde geschehen, wenn das Licht verlöschen würde? Was bliebe dann? Er sah, wie diejenigen, deren Licht noch leuchtete, sich um die kümmerten, deren Flammen kleiner und kleiner geworden waren.

Es hatte schleichend begonnen. So lange es ihn gab, waren sie immer viele gewesen. Sie hatten das ganze Rund belebt – und auch wenn man diejenigen nicht sah, die jenseits des Horizontes lebten, so wusste man einfach, dass es sie gab. Man hatte sie gespürt, für Ewigkeiten. Man hatte ihr Leuchten sehen können, wenn es sich an der Hülle des weit entfernten Planeten gespiegelt hatte, der sie umkreiste, und man hatte mit dem eigenen Strahlen geantwortet. Manchmal war die Reflektion, die auf die eigenen Sinne zurückgeworfen wurde, stärker als üblich – und seltsam vertraut, so als ob man sich selbst ins Angesicht blicken würde. Aber stets nur für einen kurzen Moment. Er hatte dies selbst bisher nur dreimal erlebt und sich gefragt, was dieses Phänomen hervorrufen würde. Als Antwort hatte er eine massive Dunkelheit gespürt, doch nichts gesehen. Und seine Gefährten hatten ihm auch nicht weitergeholfen, da sie alle eine Aufgabe hatten, die sichtbar vor ihnen lag. Denn sie hatten dieses kleine Stück reflektierender Materie in der Unendlichkeit liebgewonnen, hatten es mit ihrem Sein gewärmt. Es war ihnen so viel näher als das kalte Licht der Sterne, das in der Schwärze um sie herum auffunkelte – und gerade deswegen hatten sie ihr Licht immer warm gehalten. Sie waren anders. Und während sie die Lichtpunkte der Kälte schwinden und an anderen Stellen wieder aufblitzen sahen, hatten sie ihre Eigenart bewahrt. Es hätte immer so sein sollen.

Doch als die ersten ihr Leuchten verloren, begannen sie zu ahnen, dass sie ebenso verschwinden würden, wie die Lichter, die sie umgaben. Und noch etwas war geschehen – die Einzelnen fanden zueinander. Viele kamen an diesen Ort. Irgendetwas zog sie hierher. Viele von ihnen waren kurz nach der Ankunft erloschen, doch bei einigen war das Licht wieder erstarkt, und sie kümmerten sich nun um die Neuankömmlinge.

Er wandte sich ab. Er spürte, dass, obwohl sein Licht heller war, als das der meisten, er nicht gebraucht wurde. Nicht an diesem Ort. Daher ging er hinüber zu der Kammer, in der er sich wiederspiegelte und doch ob des Gleißens nie sah, und betrachtete den Planeten, der ihr aller Kleinod war. Er wusste nicht, wie lange er dies schon tat, aber er spürte, wie er schwächer wurde. Er würde selber irgendwann Hilfe brauchen. Doch noch war es nicht so weit, noch nicht. Er wusste nicht, was ihn erwarten würde. Er musste es nicht wissen, denn er hatte eine Aufgabe.

Ich blickte immer noch auf die Ebene. Sie war blutrot, blutrot, wie die Hände unserer Männer sein würden, wenn sie heimkehren würden. Warum hatte ich nicht bei den anderen bleiben wollen? Warum hatte ich die leise Freude nicht teilen können, die an diesem Morgen den Männern nacheilte, genährt von den Hoffnungen ihrer Frauen und Kindern? Lag es wirklich daran, dass ich ihr Glück noch nie teilen durfte? Meine Eltern waren immer gut zu mir gewesen, sie hatten mich nie gedrängt, einen Mann zu wählen. Sie hatten mir niemals Vorhaltungen gemacht, wenn ich die Tage mit Träumereien verbrachte und der Webstuhl still blieb, während die meiner Kameradinnen munter klapperten. Sie hatten darauf gehofft, dass ich eines Tages die Wichtigkeit, die Verantwortung begreifen würde - an dem Tag, an dem ich dazu bereit sein würde. Doch meine Mutter war letztes Jahr in eine Schlucht gestürzt, als wir alle zum Beerensammeln in den westlichen Tälern unterwegs waren. Sie hatte diesen Tag nicht erlebt, der kurz auf ihren Tod folgte.

Und nun war mein Vater auf seiner ersten Jagd. Ich versuchte mir vorzustellen, wie er einen Scheit Holz in die Hand nahm, um einen Borias zu töten. Ich versuchte mir vorzustellen, wie er einen scharfen Stein nahm und ihn ihm in den weichen Bauch trieb. Alles was ich sah, war Blut – doch das Gesicht meines Vaters blieb mir fern. Ich erinnerte mich daran, wie er mir die Herden gezeigt hatte, die manchmal in der Nähe der Ragasta vorbeizogen. Im Winter gen Süden, im Sommer gen Norden, immer auf der Wanderschaft, immer auf der Suche. Er hatte mir von ihnen erzählt, als seien sie gute Freunde. Eines Tages hatte er Pilze im Wald gesucht und gefunden. Es waren so viele, dass er nicht alle ernten wollte, sie wären verdorben, doch die Verlockung war groß gewesen. Da war ein Borias neben ihm aus dem Unterholz getreten. Und ich konnte mich an sein Lachen erinnern, als er mir erzählte, wie sich die beiden die Ernte geteilt hatten. Würde er auch so lachen, wenn er mir erzählen würde, wie er einen Freund getötet hatte?

Wieder sah ich hinaus auf den rot schimmernden See, der so ungreifbar war, wie die Wolken am Himmel. Zorn durchflutete mich. Warum nur? Warum? Ich nahm einen Stein in die Hand und holte weit, weit aus. Das Geräusch des vom Fels abprallenden Steines drang wie durch Nebel zu mir, ein hohles Geräusch, das sich im Echo vervielfältigte.

Der Widerhall des verzweifelten Zornes dehnte sich aus. Er schwappte über den Rand der Steilwand. Hinauf in die Höhe, weiter und weiter dehnte er sich aus, um schließlich seine Gedanken zu berühren. Er zuckte zusammen. Was war das? Schmerz durchschnitt sein Wesen. Grell leuchtete er auf, weißglühend in seiner Agonie. So sollte es nicht sein, so war es nie gewesen. Er hatte schon oft etwas gespürt, Schwingungen, die den kurzen Weg durch das Nichts überwunden hatten. Sie waren dem Licht gleich gewesen, das er aussandte. Botschaften der Wärme, Zeichen der Freude, und sie waren wie Musik. Diese Musik war als erstes geschwunden. Sie war mit der Zeit immer dumpfer geworden, bis sie schließlich nur mehr ein Grollen war. Die Dunkelheit hatte sich verstärkt.

Während er den Schmerz überwand, während er die Kontrolle über sich wiedergewann, begann er sich nach dem Ursprung der Musik zu fragen - etwas, das sich bislang noch nie jemand von ihnen gefragt hatte und das bislang jeder als gegeben hingenommen hatte.

Nachdem der Stein am Grund der Steilwand zum letzten Mal auf den Boden geprallt war, herrschte wieder Stille. Doch das Licht veränderte sich. Für einen Moment wurde es heller und heller. Die dunkle Farbe schien zu erglühen, Wirbel bildeten sich und die Wogen peitschten hoch, um in sprühenden Farben alles zu benetzen, was in ihrer Nähe war. Angst kroch in mir hoch, Angst, die meinen Zorn mit sich riss. Ich wollte Schutz suchen, doch es geschah zu schnell, während mein Körper mir nicht mehr gehorchen wollte. So traf es mich. Das Licht überflutete meine Haut und es war, als ob ich einen grellen Schmerz spürte. Ein Schmerz, von dem ich wusste, dass es nicht meiner war. Die Angst verschwand. Unbewusst begann ich das Lied zu singen, dass meine Mutter mir stets gesungen hatte, wenn ich hingefallen oder mit zerschürften Knien vom Spielen wiedergekommen war.

In seine Gedanken drang ein kaum wahrnehmbarer Laut. Er bemerkte ihn zunächst nicht, doch als er es tat, öffnete er sich. Er nahm die Musik wahr, die ein Abglanz der früheren Harmonien zu sein schien, bevor diese sich in das Grollen und später in die Stille verwandelt hatten. Sie half ihm, sich zu kontrollieren. Sie nährte seinen Glanz. Und für einen Moment spürte er nicht mehr die Dunkelheit.

23.10.06 21:21

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