Der Lesefisch

Werbung

Gratis bloggen bei
myblog.de

Come together

"Guten Morgen, Herr...?"
"Malchow, Peer Malchow."
"Wie geht es Ihnen an diesem wunderschönen Tag?"
Er verfluchte sich, dass er aus einem Reflex heraus überhaupt etwas gesagt hatte.
"Dürfte ich im Rahmen einer breit angelegten Studie einige Fragen an Sie richten, Herr Malchow? Es dauert nicht lange und Sie würden einen wertvollen Beitrag zum Allgemeinwohl leisten!"
Die Stimme war eindeutig zu fröhlich - viel zu fröhlich nach einer viel zu kurzen Nacht. Peer stierte aus verquollenen Augen auf die Quelle der Lebenslust, die da ungefragt auf der Bank neben ihm Form angenommen hatte. Das Wesen vibrierte vor unterdrückter Begeisterung. Seine Tentakel hüpften in schierer Vorfreude.
Er musste sich irren. So etwas gab es nur in schlechten B-Movies. Er schloss die Augen.
Eine Weile war es still. So still, dass er nur seinen eigenen Puls in den Ohren rauschen hörte. Ein Rasseln seiner Lunge teilte ihm gewissenhaft mit, dass er am letzten Abend zu viel geraucht hatte. Blind tastete er nach dem verbeulten Päckchen Zigaretten, dass er stets in der linken Hosentasche mit sich führte. Er öffnete es mit einer Hand, angelte sich einen Glimmstängel und ließ den rechten Daumen über das Zündrad des abgegriffenen Feuerzeuges schnippen. Rrrrtsch. Rrrrrrrtsch. RRRRTSCH. Geht doch, dachte er, lehnte sich zurück und zwang den ersten Zug des Tages in seine protestierenden Lungen.
"Ich sehe, Sie sind bereit!"
Peer öffnete wieder die Augen. Der Bahnsteig vor ihm war leer. Sein Gehirn war noch nicht so fit, wie es an einem Montagmorgen sein sollte. Er grunzte ungehalten.
"Verzeihen Sie, Herr Malchow, aber ich sitze links von Ihnen. So wie ich bislang feststellen konnte, sieht man sich auf Ihrem Planeten beim Reden einander ins Gesicht. Das ist eine Frage des Respekts." In die weltfremde Fröhlichkeit hatte sich ein Hauch der Missbilligung gemischt. Das Jammern erinnerte Peer an Merle. Er hätte kotzen können.
"Ich sehe Ablehnung, Herr Malchow. Das betrübt mich. Vielleicht sollte ich mich vorstellen - das wäre nur fair, nicht wahr?"
Peer nahm seine Konzentration zusammen und beäugte das Ding neben ihm ungehalten. Die Botschaft war eindeutig.
"Mein Name lautet" - es folgte ein undefinierbares Quäken, Pfeifen und  Rauschen, als ob ein Tuner gerade Samba tanzen würde - "aber Sie können mich Gerhard nennen. Das müsste die Dinge vereinfachen."
Gerhard strahlte Peer in freudiger Ignoranz an. Unvermittelt schwebte das Pendant einer Hand unter Peers Nase, und er ergriff sie reflexartig - nur um sie sofort angewidert loszulassen. Es fühlte sich an, als ob er in eine Schüssel mit lauwarmem Schokoladenpudding gegriffen hätte. Schokoladenpudding, denn Vanille mochte er nicht und hatte ergo seine Finger noch nie hinein gesteckt. Zudem roch das Wesen auch nach Schokolade. Bei aller Liebe zu der braunen Süßigkeit, es war dennoch ein ekelhaftes Gefühl.
"Nun, da diese Dinge geklärt sind, können wir ja beginnen. Wollen wir?"
Gerhard zwinkerte Peer, der inzwischen den Großteil seines Verstandes beiseite geschoben hatte, erwartungsvoll aus seelenvollen Glubschaugen zu.
"Verpiss dich", murmelte Peer ergriffen. Mit einem leisen Zischen fiel ausgeglühte Asche von der  Zigarette auf den rissigen Beton.
"Sofort, sofort. Ihr Wunsch sei mein Befehl. Aber vorher habe ich da ein paar Fragen. Zum Beispiel, was Sie mit", Gerhard quäkte kurz, "'sich verpissen' meinen."
Peer glubschte das Wesen ungläubig an. "Sich verpissen eben, vom Acker machen, in den Sack hauen - verduften. Noch Fragen?"
Gerhard hatte getreulich zugehört. "Ich spüre immer noch eine extreme Ablehnung." Seine Stimme wechselte von fröhlicher Unbedarftheit zu einem salbungsvollen Psychogeschwafel. "Wahrscheinlich liegt es an meiner Erscheinung. Keine Sorge, das haben wir gleich behoben."
Einen Moment später verschob sich die Luft um Gerhard herum. Die Formen lösten sich auf, flossen ineinander, um sich kurz darauf wieder zu klären. Anstelle der Glubschaugen blinzelten nun graue Augen hinter dicken Brillengläsern. Peer fand sich neben einem Clark Kent wieder, der etwas in einen Handheld eintippte. Die Zigarette fiel kalt und ausgebrannt aus Peers starren Fingern. Hastig sah er sich um. Es mussten doch noch andere da sein.
"Keine Sorge, wir befinden uns in einer Raum-Zeitblase. Man kann es auch als alternierendes Universum bezeichnen."
Clark lächelte Peer beruhigend zu. "Ich habe bereits festgestellt, dass andere Personen die Konzentration der Zielobjekte negativ beeinflussen. Daher müssen wir auf diese Behelfsmöglichkeit zurückgreifen, obwohl das natürlich-"
"Zeitblase? ZEITBLASE?" Peer sprang gehetzt von der Bank hoch. Es war eine Sache, mit einem Außerirdischen zu plaudern, aber eine andere, zu spät zur Arbeit zu kommen. Und das heute!
"Ich muss zur Arbeit!" Panisch sah er auf sein Handgelenk,, Ihm fiel auf, dass seine Uhr wohl noch zu Hause auf dem Küchentisch liegen musste.
Clark musterte ihn interessiert. "Arbeit scheint für Sie sehr wichtig zu sein, liege ich mit dieser Annahme richtig?"
"Wichtig? Haben Sie wichtig gesagt?. Sie haben ja keine Ahnung! Heute wird über meine Zukunft entschieden, Sie Depp - und ich sitze hier in einem anderen Universum, das mich nicht die Bohne interessiert, und werde mit einer Umfrage aufgehalten?!" Peer war endlich wach - und wütend. Das war noch nie eine gute Kombination gewesen. Und selbst Clark, Gerhard oder wie das Wesen auch heißen mochte, blieb nicht davor verschont.
"Wenn du mich nicht sofort aus dieser Blase raus lässt, passiert was." Peer hatte Superman am Kragen gepackt und von der Bank gezogen. "Sofort, capice?"
"Ich möchte Sie bitten, nicht handgreiflich zu werden." Clarks Stimme quietschte jämmerlich, bei dem Versuch würdevoll zu klingen. "Wir sind zivilisierte, hochkultivierte Wesen, die -"
"Weichei." Peer ließ das kultivierte Ding wieder auf die Füße, nachdem er seinen Unmut noch einmal deutlich gezeigt hatte. "Such dir einen anderen, aber dalli! Ich habe zu tun."
Er suchte mit den Augen die Bahnhofsuhr. Sie zeigte immer noch 6:47 Uhr. Der Bahnsteig war immer noch wie leergefegt. Klar, dass ihm so etwas passieren musste. Da draußen zog sein Leben vorbei, dass er versuchte mit beiden Händen zusammenzuhalten, während er sich hier mit Superman rumschlagen musste, den er schon als TV-Held nicht ernst genommen hatte. Er seufzte resigniert. Wenn er zu spät ins Büro kam, war es eh vorbei. Gegessen. Aus. Egal.
Hinter ihm piepste, schnarrte und knatterte es leise. Als er sich umdrehte, sah er Gerhard in seiner ursprünglichen Gestalt auf der Bank hocken. Er zog sich heftig an den Tentakeln. Die Töne, die er dabei von sich gab, klangen nicht Vertrauen erweckend. Neben ihm lagen die Überreste des Eingabegerätes.
Auch das noch. Ein Alien mit selbstzerstörerischen Anwandlungen, das hatte ihm wirklich nicht gefehlt. Peer betrachtete es zum ersten Mal genauer. Es sah aus wie eine Stange von dem Schaumspeck, auf den Merle immer so abgefahren war. Nur die Farbe war anders - als ob Jackson Pollok in einem manischen Anfall mit Blau und Grün um sich gespritzt hätte, garniert mit ein paar gelben Tupfern. Er versuchte etwas wie Arme oder Beine zu erkennen, doch Gerhard schälte sich in immer neue Formen, verwuchs mit sich, spaltete sich, so dass Peer schon bald nicht mehr mitkam. Er wusste nicht genau, ob er angeekelt oder fasziniert sein sollte. Daher schob er diese Frage fürs erste zur Seite und setzte sich wieder. Was sollte er nun machen? Gerhard schien nicht ansprechbar zu sein, die Zeitblase war immer noch existent und sein Leben im Eimer. Erst mal eine rauchen! Das half zwar nicht weiter, war aber ungemein entspannend. Vielleicht würde  ja auch Gerhard…
Das Alien schnappte sich die dargebotene Zigarette. Die gelben Flecken leuchteten kurz auf, begleitet von einem Quäken, dann herrschte Stille. Beide pafften in geteilter Hoffnungslosigkeit vor sich hin.
Irgendwann gab sich Peer einen Ruck.
"Was wolltest du eigentlich von mir?"
Gerhard hörte für einen Moment auf, an seinen Tentakeln zu zerren. Er quäkte etwas vor sich hin, bis ihm einfiel, dass Peer ihn so nicht verstehen würde. Dann erklang seine Stimme blechern.
"Nichts Besonderes. Ich wollte nur fragen, warum es euch gibt. Ich meine, warum es euch immer noch gibt."
Peer lachte bitter auf.
"Den Sinn des Lebens? Von welchem Stern kommst du, Kumpel. Diese Frage wird nie beantwortet."
"Beta-Meri-0056. Aber das wird dir nichts sagen, oder?"
Peer schüttelte stumm den Kopf.
Dann sah er Gerhard an.
"Wo ist dein Raumschiff? Wo sind die Knarren, die die Welt in nullkommanullnix platt machen? Was bist du eigentlich für ein Komiker?"
"Ich bin kein Komiker. Ein Dummkopf, aber kein Komiker."
Peer schüttelte sich. "Hör auf mit diesem Ton. Du klingst wie meine Ex. Ich kann es nicht mehr ertragen."
"Was meinst du damit?" Gerhard wechselte wieder zu der freudigen Neugier zurück. Was ist eine EX?"
"Du weißt das nicht? Glücklicher Kerl."
Peer schnippte seine Kippe auf die Gleise.
"Ich spüre -", qäckknatterpieps "Trauer?"
"..."
Knatterklackkrächz "Wut?"


Peer erinnerte sich an gestern und lief prompt rot an. Es war ein mieser Abend gewesen. Als er nach Hause gekommen war, hatte Merle ihn mit einem brüllenden Schweigen empfangen, wie fast immer in letzter Zeit. Sie hatte anklagend sein Lieblingsessen auf den Tisch geknallt und war dann ins Wohnzimmer gerauscht. Inzwischen war seine Geduld am Ende. Das 'Liebling' klang inzwischen selbst in seinen eigenen Ohren falsch. Daher hatte er sich nicht die Mühe gemacht, ihr hinterher zugehen, um zu erfahren, was los war. Nach einer halben Stunde war sie von alleine in der Küche aufgetaucht, um ihm zu eröffnen, dass sie die Schnauze voll hätte.
"Ich bin nicht deine Hausangestellte. Ich bin nicht deine Mutter. Ich bin nicht dafür da, alles hinter dir her zu räumen. Ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr. Nie fragst du mich, wie mein Tag war. Wir unternehmen nie etwas zusammen - und warum? Weil du den Hintern nicht hochkriegst! Ich hab´s satt, ich bin´s endgültig leid. Mach deinen Scheiß doch alleine, dann siehst du schon, wie weit du kommst."
Peer war wie vom Blitz getroffen. Er hatte sie nur anstarren können.
"Schatz - ?"
"Komm mir nicht damit, von wegen Schatz! Geh doch zu deinem aktuellen Häschen und garn die ein. Warum kommst du überhaupt noch nach Hause?"
Das war es also - Eifersucht. Sie hatte keinen Grund zur Eifersucht, hatte ihn nie gehabt. Die Affäre zu Anfang der Beziehung zählte ja nicht. Schließlich hatte er sich für sie entschieden. Und überhaupt - es war nichts Ernstes gewesen, zählte das denn gar nicht? Jetzt hatte er die Schnauze voll. Er machte Überstunden, damit ihr Luxus gesichert war, während sie den ganzen Tag zu Hause rumsaß - und dann so etwas! Er hatte sie nicht zurückgehalten, als die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war. Er hatte die Ruhe genossen. Nicht lange, danach hatte er sich mit dem Rest Wodka aus der Bar in den Schlaf katapultiert
 
Peer zuckte mit den Achseln. "Ist wohl besser so."
Gerhard leuchtete in einem nachdenklichen Violett. "Ich weiß nicht. Wenn meine Gruppe mich verließe, würde ich allein sein. Das wäre mein Tod."
"Deine Gruppe… Verlassen... dein Tod?" Peer runzelte die Stirn.
"Klar. Wir sind von Anfang an zu viert. Immer. Wegen der Symmetrie." Gerhards Augen schwammen in trüben Seen.
"Wie heißen sie denn?" Peer warf noch eine Runde Zigaretten auf den Markt.
"Nennen wir sie einfach Peter, Paul und Mary. Die wahren Namen würdest du nicht verstehen. Wir vier haben uns immer gut verstanden, wir kommen ja auch aus dem gleichen Spross. Es gibt aber eine Zeit, in der wir uns trennen, um unser Wissen zu erweitern. Jeder will das Beste für seine Gruppe, also will jeder - nicht nur für sich, sondern für alle - etwas ganz besonderes leisten. Ich habe mir die Erforschung galaktischer Lebensformen ausgesucht. Und nun habe ich die einzige Chance vermasselt!"
Er zog sich erneut an den Tentakeln.
"Wieso vermasselt?" Peer beugte sich zu ihm, geflissentlich den süßlichen Geruch ignorierend.
„Na, ja, das Gespräch verläuft überhaupt nicht wie es soll.“ Gerhard verschanzte sich in einer dunkelgrauen Wolke der Frustration.
„Wie sollte so ein Gespräch denn verlaufen?“ Peer fragte sich beiläufig, warum er nicht einfach den Mund halten konnte.
„...“
„Weißt du was, Gerhard? Du kehrst nach Beta-Sonstwie zurück und suchst dir eine neue Aufgabe und ich schmeiß mich vor den nächsten Zug.“
„Was soll ich da noch?“
„Deine Leute werden vielleicht nicht begeistert sein, dass es nicht geklappt hat, aber das ist doch kein Beinbruch.“ Resigniert dachte er an das Klappen der Haustür, als sie hinter Merles Koffern in den Rahmen gefallen war.
„Sie werden verständnisvoll sein.“ Gerhard klang nicht erleichtert. Er klang eher – angepisst?
„Ist doch schön“, murmelte Peer, in der Gewissheit, dass der Zug für Merle und ihn endgültig abgefahren war.
„Nein“, fauchte es neben ihm. „Ich will kein Mitleid, ich will nicht der verkümmerte Trieb sein!“
Peer sah zu seinem Leidensgenossen hinüber und seufzte. Das Echo von links ließ nicht lange auf sich warten. Er wünschte sich wieder einmal weit, weit weg. Hawaii, das wär´s jetzt. Irgendwo an einem Strand abhängen, keine Merle, die auf seinen Nerven Flohwalzer spielte, kein Vorgesetzter, der ihn anraunzte – nur ein lauwarmer Wind und seliges Nichtstun. Ein eigenes Universum nur für ihn...
„Gerhard?“ murmelte er, „Ich habe da eine Idee.“

Merle schlug die Augen auf. „Das war wunderbar“, gurrte sie entzückt. “Du bist wunderbar, Tiger. Irgendwie hast du dich verändert.“ Sie rollte sich aus seinem Arm, stützte den Kopf auf und betrachtete ihn fasziniert. „Ich habe immer gewusst, dass mehr in dir steckt.“ Zufrieden kuschelte sie sich in die Arme, die sich weich und warm um sie schlangen. Seit dem Abend vor zwei Wochen, an dem Peer auf Knien zu ihr zurückgekommen war, hatte er sich verständnisvoll und aufmerksam gezeigt. Auf einmal sprach er über seine Gefühle, ließ Nähe zu und behandelte sie wie eine Königin. Natürlich hatte sie damit gerechnet, dass dieses Phänomen drei Tage anhalten würde, um sich dann wieder ins Nichts zu verflüchtigen, aber da hatte sie sich wohl gründlich geirrt. Jetzt genoss sie das was sie hatte und dachte nicht ans Morgen. Kurz bevor sie in seinen Armen einschlief, schnüffelte sie leicht. „Du erinnerst mich an den Schokopudding meiner Oma“.

2 Kommentare 23.10.06 18:58, kommentieren

Werbung