Der Lesefisch

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Die erste Jagd Kapitel 2

Am Abend scharten wir uns um das Feuer. Dies war früher der Moment gewesen, die Erlebnisse des Tages auszutauschen, Geschichten zu erzählen, um sich dann – nach dem Abendgesang - in die Hütten zurückzuziehen und zu schlafen. Doch dies war lange schon anders. Wir sangen das Licht nicht mehr in den Schlaf, die Geschichten waren düster geworden. Ich fühlte mich schon lange nicht mehr wohl in dieser Gemeinschaft.

Heute schwiegen wir. Keiner wusste, was er sagen sollte. Die Gedanken waren bei den Männern. Die Sorgen kreisten um die Ernte und um die Zukunft. Die Hoffnung, die an diesem Morgen noch geherrscht hatte, war nicht laut genug, um die Angst zu übertönen. Selbst die Kinder waren leise.

Als das Mahl eingenommen war, hob Andreos die Runde auf. Er schickte uns in die Hütten und ermahnte uns, zu schlafen, denn unsere Kraft würde morgen wieder gebraucht werden.

Der Schlaf wollte nicht zu mir kommen. Unruhig wälzte ich mich auf meinem Lager herum. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Heimlich schlich ich mich aus der Hütte. Das Feuer glomm im Steinkreis, doch sonst war keine Menschenseele zu sehen. Auf dem Weg zu der Einfriedung hörte ich die Geräusche der anderen aus den Hütten dringen, die mir erzählten, dass hier niemand sorglos schlief. Ein Kind greinte leise. Ich fühlte mit ihm.

Als ich die Ragasta gerade verlassen wollte, trat eine Gestalt aus dem Schatten neben mir, Andreos. Stumm nahm er meinen Arm und zog mich unnachgiebig mit sich. Der Weg führte hinaus auf die Felder, die unsere Lebensgrundlage bildeten. Im rötlichen Dunst, der nun auch des Nachts nicht gänzlich wich, wanderte er mit mir durch die hochstehenden Ähren, die voller Korn waren.

„Siehst du es? Sie scheinen zu verdorren, obwohl sie alles haben, was sie zum Wachsen brauchen.“ Er verstummte. Noch nie hatte er so mit mir gesprochen, und ich wusste nicht, was er von mir erwartete, was ich erwidern sollte oder konnte. Daher schwieg ich.

„Umshi`ma grollt uns. So viel hat er gegeben, und wir gaben nichts zurück. Er fordert unsere Schuld ein. Alles was er will, zeigt er uns. Verstehst du mich?“ Er sah mich an, seine dunklen Augen glühten förmlich. Ein inneres Leuchten schien sie zu erfüllen, doch war es kalt und glich der Schneide eines scharfen Steines.

„Warum erzählst du mir das alles?“

„Weil du sein Werkzeug bist.“

„Was will er von mir?“

„Ich weiß es nicht - noch nicht. Aber ich werde ein Auge auf dich haben, und wenn es soweit ist, wirst du es erfahren.“ Er schien noch etwas anfügen zu wollen, doch im letzten Moment stockte er. Dann ließ er endlich meinen Arm los, der unter seinem festen Griff taub geworden war. Unwillkürlich trat ich zurück. Er war mir noch nie so fern erschienen wie in dieser Nacht. Angst wallte in mir auf. Er bemerkte es.

„Bereite dich vor. Es ist zu unser aller bestem.“

Damit ließ er mich alleine zurück.

Ein Wind kam auf, strich durch die Ähren. Das Rascheln und Knistern mutete unwirklich an, entrückt.

Und ich begann leise zu singen. Diesmal war es mein Schmerz.

Er spürte wieder die Töne. Zaghaft reichten sie hinaus in die Dunkelheit, doch diesmal konzentrierte er sich auf ihren Ursprung. Sie kamen von dem Planeten. Er öffnete sich ihnen und bemerkte einen Unterschied zum letzten Mal. Sie waren bei aller Klarheit von einer unterschwelligen Dunkelheit und gereichten nicht zum Trost. So sollte es nicht sein. Er wusste nicht, wie es geschah, wusste nicht warum er sich weiter öffnete, als bislang, doch es schien richtig zu sein, als er sein Leuchten behutsam verstärkte. Hin zu der Quelle der Musik.

Während ich sang, begann das Feld um mich herum zu leuchten. Doch seltsamerweise fürchtete ich mich nicht. Es war wie eine Umarmung. Und so sang ich weiter, und mit jedem Ton schien das Licht um mich herum zu pulsen, mit jedem Ton kehrte der Trost zurück.

Und ich bemerkte nicht, wie Andreos dies alles aus der Ferne beobachtete.

Das Leben nahm seinen Gang. Die Felder wurden kontrolliert, die Feuer geschürt. Wir machten uns auf, um Beeren und Pilze zu sammeln. Die Kinder spielten. Doch veränderten sich ihre Spiele - sie wurden …böse. Das Lachen, das vor einiger Zeit verloren gegangen war, kehrte immer noch nicht zurück. Die Angst wuchs mit jedem Tag, an dem wir kein Lebenszeichen von den Männern erhielten. Die Gedanken und Sorgen kreisten um die, die wir vermissten. Jeder war betroffen, jeder hatte einen Vater, einen Bruder da draußen. Die Abende wurden immer düsterer, die Stimmung gereizter. Es war schwer zu ertragen.

Ich ging immer noch jeden Morgen zur Klippe und blickte über die Ebene. Der See aus rotem Licht wich nicht mehr. Er zog sich nicht mehr des Nachts zurück, um am Morgen die Ebene erneut zu überfluten. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass er ein Eigenleben führen würde, dass er warten würde. Wenn ich mich niedersetzte und den Morgengesang anstimmte, den mein Stamm vergessen hatte, schien er zu antworten. Lichter glommen in den Tiefen des Sees auf, bildeten die inzwischen vertrauten Strudel und verschwanden wieder, wenn die Melodie verklang.

Er hatte sich in den Rhythmus eingefunden. Er konnte vorhersagen, wann die Melodie zu ihm dringen würde. Und wenn sie manchmal auf sich warten ließ, ertappte er sich dabei, wie er sie im Stillen zu sich rief. Er wollte sie nicht mehr missen.

Seine Gefährten wurden weniger. Sie erloschen immer schneller. Bald würde es niemanden geben, der sich um den anderen kümmern konnte, denn es würden alle um ihr eigenes Sein kämpfen müssen. Er hielt inne. Wann hatten sich diese Begriffe in seinem Denken eingefunden? Er wusste es nicht. Er wusste auch nicht, ob es ihm gefiel. Aber er wusste, dass er nicht erlöschen wollte.

Gestern hatte er mit seinem engsten Gefährten gesprochen. Er hatte ihn gefragt, was um sie herum geschähe und warum. Diese Fragen hatte er vorher nie gekannt, doch er hörte sie in der Musik, und sie hinterließen ihre Spuren in seinem Empfinden. Sein Gefährte hatte ihm nicht antworten können. Er wusste es nicht. Aber er frage auch nicht, erklärte er, denn es war alles so, wie es war. Man rührte nicht an den Dingen, die bestimmt waren. Habe er nicht seine Bestimmung erfüllt? Habe er nicht gegeben, so wie er es sollte, wie es ihnen allen zu Eigen war? Sein Gefährte strahlte sanft. Jetzt schien es nicht mehr von Nöten zu sein, also würden sie nicht mehr gebraucht. In dem Wissen, alles so getan zu haben, wie es recht wahr, wie es gedacht war, wolle er nun so ruhig in die Dunkelheit eingehen, wie er ihr einst entsprungen war. Aber er? Vielleicht solle er versuchen, Wege aus dem Dunkeln zu finden? Er würde seine Bestimmung erkennen. Danach erlosch sein Gefährte.

Er hatte über die Gedanken gegrübelt. Den ganzen langen Moment der Stille, bis die Melodie wieder einsetze, doch er war nicht ruhig geworden. Er wollte nicht verlöschen. Er wollte kein Teil der Dunkelheit, kein Teil des Nichts werden.

Er wollte…

Inzwischen ging ich ganz offen dorthin, wo es mir gefiel, ohne mich um die befremdeten Blicke der anderen Frauen zu kümmern oder mich an die Anordnungen zu halten, die für jeden galten. Andreos selbst hatte die zum Schweigen gebracht, die gegen diese Ungerechtigkeit aufbegehren wollten. Eine Begründung hatte er nicht gegeben, und das war gut so. Der Aufruhr hatte sich auch schnell wieder gelegt, denn man hatte anderes zu tun, als sich um ein versponnenes Mädchen zu kümmern. Ich war nichts anderes in ihren Augen. Es war gut so und solange ich meine Pflichten erfüllte, mochten sie denken was sie wollten.

Bei aller Freiheit, die ich letztlich Andreos verdankte, verstärkte sich mein Unbehagen ihm gegenüber. Er hatte seit dem Abend, an dem er mich auf das Feld hinaus geführt hatte, nie wieder Hand an mich gelegt, aber in seinem Blick lag Unausgesprochenes und ich spürte sein Begehren, das meinen Geist beschmutzte. Zu oft spürte ich seinen Blick auf meiner Haut, zu oft sah ich ihn aus dem Schatten treten, wenn ich abends durch die Ragasta ging. Eines Nachts war ich aus unserer Raga getreten – und ihm beinahe in die Arme gelaufen. Seitdem schlief ich oft auf den Feldern, denn hierhin war er mir noch nie gefolgt.

Die Ähren, die mit ihrem dürren Rascheln meinen Geist umfingen und einhüllten, würden auf mich achten, das wusste ich. Doch sie gaben keinen Laut der Warnung von sich, sondern wiegten mich ganz allmählich in den Schlaf. Ich sang leise den Abendgruß zum Himmel hinauf und ließ meine Finger durch die roten Nebel gleiten, die sich inzwischen wie selbstverständlich zum Klang der Melodie vom Boden lösten und um mich herum tanzten.

Mitten in der Nacht, als ich längst in den Armen tiefen Schlafes gefangen war, erschien mir ein seltsames Strahlen. Es erfüllte mich, durchflutete meinen Körper, und als ich erwachen wollte, als ich mich aus diesem Spuk befreien wollte, wurde es sanfter. Ein Gefühl der Sicherheit wuchs in mir – ebenso selbstverständlich wie eine Daria ihre Blüten an einem warmen Sonnentag dem Licht zuwandte.

Er wusste nicht, wie er sich ihr begreiflich machen sollte. Sie, die in der letzten Zeit immer deutlicher vor ihm gestanden hatte und deren Wege er stets mit einem kleinen Teil seines Selbst begleitete. Aus einer unerklärlichen Scheu heraus, hatte er sich ihr noch nicht so gezeigt, wie er wirklich war. Es war unüblich und nicht gern gesehen. Aber es waren nicht mehr viele da, die sein Handeln hätten verurteilen können. Was sie vorgelebt hatten, hatte sich allerdings auch in ihm verwurzelt.

Nun aber war etwas geschehen, das ihn handeln lassen musste. Nachdem sie an diesem Abend verstummt war, hatte er in einiger Entfernung eine andere Melodie gehört, die der ihren vergleichbar war. Er hatte sich auf die Quelle konzentriert und etwas gefunden, das ihr sehr ähnlich war und doch ganz verschieden. Und es starb.

Jetzt zeigte er ihr sein Wesen. Sie sollte nun von ihm den Trost erfahren, den sie ihm, all die Zeit über, gegeben hatte.

Ich öffnete die Augen. Das Strahlen erfüllte mich immer noch, aber es bildete nun den Rahmen für ein einziges Bild. Es zeigte meinen Vater. Und bei allem Trost, bei aller Wärme, begann ich zu weinen. Denn er war tot und niemand würde ihn mir zurückgeben können. Während ich am Boden lag, stürzten die Erinnerungen über mich herein…

Er konnte sie jetzt vor sich sehen. Es war das erste Mal, dass er ein Bild empfing. Dies war mehr als eine Schwingung, mehr als eine Ahnung. Sie lag vor ihm, nah und gleichzeitig viel zu fern. Er spürte ihren Schmerz, spürte so viel mehr. Er öffnete sich ihr auf eine Weise, die er sich selbst nicht erklären konnte oder wollte. Und als er dies tat, empfing er andere Bilder. Er sah sie, wie sie aufwuchs, sah andere Wesen, die sie begleitet hatten, sah das Gesicht des Wesens, das heute gestorben war und das sie „Vater“ nannte.

Vater – ein Begriff, den er nicht kannte. Doch das Gefühl, das in ihrer Melodie mitschwang - das kannte er. Es erinnerte ihn an den ersten seiner Gefährten, den er wahrgenommen hatte. Und er erinnerte sich an die Erschütterung seines Leuchtens, als dieser unter den ersten gewesen war, die verloschen. Er erinnerte sich auch an die anderen, die ihn nicht verlassen hatten, als es geschah. Aus dieser Erinnerung heraus, tat er nun etwas, das noch niemand von ihnen getan hatte.

„Du bist nicht allein.“

Es waren keine Worte, die ich hörte. Es war das Schimmern, welches mich umgab, das mir diese Gewissheit eingab. So klar, als wäre es ein Flüstern, gleichzeitig aber so unwirklich, wie der Windhauch an einem schwülen Sommerabend. Und ebenso wie ein Windhauch, schien es meine Tränen zu trocknen, während es weiterhin seine Botschaft sandte. Das Bild meines Vaters verschwand. Zurück blieb das Leuchten, welches in mir pulsierte. Mehr und mehr manifestierte es sich zu etwas Greifbarem.

„Was - wer – bist Du?“

„Freund – ich bin ein Freund. Hab’ keine Angst.“

„Umshi’ma?“ Ich schloss die Augen. Andreos, geisterte es durch meinen Kopf, Andreos hat recht gehabt. Was wird nun geschehen?

Lange Zeit geschah nichts. Dann jedoch spürte ich eine Verneinung in mir.

„Du bist nicht …?“

„Nein. Ich bin dein Licht. Hab’ keine Angst.“

Keine Angst, keine Angst. Diese Worte, dieses Gefühl umschmiegten mich wie eine Mutter, die ihr Kind in den Schlaf wiegt. Schon wollte ich nachgeben, die Welt fahren lassen und die Augen schließen, da lief mir eine Träne über die Wangen. Das Salz brannte auf meinen Lippen, und ich flüsterte kaum hörbar:

„Vater!“

Als Antwort erlosch das Strahlen in mir, nur um im nächsten Moment umso sanfter wieder zu aufzuscheinen, um der Gewissheit , die es damit geschaffen hatte, den Schmerz zu nehmen.

„Du bist nicht allein…“

Die nächsten Tage verbrachte ich in tiefer Trauer. Ich hatte mein Gesicht geschwärzt und die Haare abgeschnitten, so wie es verlangt wurde. Die Frauen betrachteten mich misstrauisch. Ein paar hatten mich gefragt, warum ich das täte. Als ich geantwortet hatte, dass ich um den Tod meines Vaters wüsste, da er sich mir im Schlaf offenbart hatte, wurde ich von ihnen bestürmt, zu erspüren, wie es ihren Männern, Vätern und Brüdern erginge. Nachdem ich ihnen sagte, dass ich dies nicht könne, mieden sie mich. Manche sprachen offen aus, dass sie mich für verrückt hielten, manche zeigten eine Fürsorge, die dies nur vermuten ließ. Ich wandte mich ganz ab von meinem Stamm. Ich wollte niemanden sehen, konnte kaum einen von ihnen um mich herum ertragen. Ich nahm mir die Zeit, die nötig war, um das Wissen zu begreifen. Aber ich war nie ganz alleine, denn Soleos, wie ich das Wesen inzwischen nannte, war immer spürbar.

Sie hatte ihm eine Schwingung zugeordnet, einen Namen gegeben. Das war neu für ihn. Er wusste nicht recht, wie er damit umgehen sollte, aber er ließ es zu. Es ließ ihn strahlen. Ihren Namen sang er leise vor sich hin, wenn er seiner Aufgabe nachging. Inzwischen konzentrierte er sich immer öfter auf sie, auf Tarua, anstatt dem Versuch nachzugehen, die Arbeit zu erledigen, die bislang von allen zusammen geschafft worden war. Durch Tarua wusste er, dass die wenigen, die übrig geblieben waren, nicht ausreichten, um den Planeten so mit Licht zu versorgen, wie es sein sollte. Noch war er sich nicht sicher, was er machen sollte – nur aufgeben wollte er nicht.

23.10.06 21:22, kommentieren

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