Der Lesefisch

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Die erste Jagd Kapitel 4

Unruhiger Schlaf hielt mich gefangen. Dunkelheit hüllte mich ein, nachtkalte Finsternis, die ewig dauern würde. Mein Sein verschwand im Strudel der Zeit, wurde nichtig, fortgesogen von allem, was ich liebte. Die abgrundtiefe Kälte griff nach mir, und ich hörte ein leises Mahlen, als ob Sand zwischen den Mühlsteinen der Kornpresse knirschte. Doch welches Korn sollte noch gemahlen werden, wenn das Nichts nach uns verlangte? Ich sträubte mich gegen diese Bilder, doch verschlimmerten sie sich, je mehr ich mich gegen sie wehrte. Ich sah, wie die Felder von Dunkelheit überflutet wurden, wie sich die Ähren unter einem eisigen Wind bogen. Ihre Samenkapseln brachen auf und schleuderten ihren kostbaren Inhalt in den Sturm, der um uns herum tobte. Alles, was uns umgab, zerfiel zu Staub, verging, löste sich auf. In meiner Verzweiflung rief ich seinen Namen. Soleos! Was geschieht hier? Was wird aus dir? Aus mir? Was wird aus uns? Und ich begann zu fallen...

Als Guron in die Raga zurückkehrte, sah er Tarua auf dem Lager von einem schwachen rötlichen Glimmen umgeben. Er setzte sich zu ihr, doch berührte sie nicht. Sie schien entrückt und für einen Moment dachte er an das, was ihm seine Mutter über sie gesagt hatte, eben gerade, als sie ihn zurückhalten wollte, zu der Verrückten zu gehen. Von Entfremdung hatte sie gesprochen, von Wahn. Das Mädchen sei von anderen Mächten besessen, es könne nicht normal sein, dass sie mit dem Licht im Feld tanzen würde, es könne nicht gesund sein. Sicher sei sie mit dem Bösen im Bunde. Er hatte seine Mutter angesehen und gefragt, ob man sich um Tarua gekümmert habe. Das knappe, beinahe verschämte Kopfschütteln hatte als Antwort gereicht, und so war er hierher gekommen, wie er es versprochen hatte. Sie wand sich auf dem Lager. Ihr Gesicht spiegelte Schrecken wieder, die nur sie erlebte. Er beobachtete sie. Die Maske der Furcht wich allmählich einem Staunen. Er merkte auf. Ihre Hand, die eben noch abwehrend in die Luft geschnellt war, schien nun nach etwas zu greifen, das nicht da war. Er nahm sie zwischen seine Hände. Mehr konnte er nicht tun. Sie würde ihm sagen, was sie gesehen hatte, wenn sie es wollte. Mit der Zeit kam der Schlaf.

Ich erwachte am späten Morgen. Neben mir standen ein Becher Tee und etwas Brot. Während ich versuchte, die vergangenen Träume und Bilder zu ordnen, ging die Tür auf, und Guron trat ein. Müdigkeit hatte tiefe Spuren in sein Gesicht gezeichnet, doch eine fieberhafte Nervosität ging von ihm aus.
„Es ist unbegreiflich! Draußen ist es noch immer stockdunkel, obwohl es längst hell sein müsste. Ich hätte nie gedacht, dass ich das Zwielicht vermissen würde. Die Leute sind verwirrt. Andreos versucht, sie zu beruhigen, doch ich weiß nicht wie lange ihm das gelingen mag. Vor allem bei Iranos – der ist fuchsteufelswild!“
Er brach abrupt ab. Ich rückte etwas zur Seite. Guron verstand die Geste und setzte sich zu mir. Still reichte ich ihm den Becher, den er unablässig in seinen Händen zu drehen begann, so als ob er allein aus dieser Geste heraus, wieder zu seiner Ruhe finden würde.
„Die Groars lagern vor der Ragasta. Das Feuer schreckt sie noch davor ab, näher zu kommen – doch wie lange noch? Ihr Heulen ist zu einer Musik geworden, die uns verhöhnt. Sie sind Jäger der Nacht, gewitzter und erfahrener, als wir es je sein werden. Und unsere Nacht hat gerade erst begonnen...“
Endlich nahm er einen Schluck des inzwischen lauwarmen Gebräus.
Ich wusste nicht, was ich sagen konnte, sagen sollte. Er hatte die Situation nur all zu klar beschrieben. Unsere Nacht...
Alles, was Soleos mir gezeigt hatte, entsprach dem, was Guron nun aussprach. Stumm schloss ich die Arme um ihn. Trost suchen, Trost spenden, dort wo kein Trost zu finden war – ich wusste nicht, warum ich es tat, doch war die Wärme seiner Haut wie eine letzte Zuflucht. Und als er den Becher abstellte, um die Umarmung zu erwidern, wusste ich, dass es ihm nicht anders erging.
„Du zitterst nicht mehr.“ Es war nur eine gemurmelte Feststellung, die etwas später an mein Ohr drang, doch spürte ich die unterschwellige Frage in ihr mitschwingen.
„Nein“, erwiderte ich leise, „aber mein Herz ist voller Trauer.“
Er sah mich aus seinen dunklen Augen aufmerksam an.
„Soleos-“, fuhr ich fort, „ er zeigte mir gestern seine Heimat. Sie liegt im Sterben.“
Er stützte sich auf dem Ellenbogen ab und musterte mich.
„Tarua, du musst uns sagen, was du weißt. Es ist für uns alle sehr wichtig. Was haben wir zu erwarten?“
„Wer wird es denn hören wollen?“
„Ich , Iranos, alle – denn es betrifft den Stamm.“
Er hatte recht. Und doch – etwas sträubte sich in mir. Er sah mein Zögern.
„Tarua?“
Er wollte noch etwas sagen, als draußen ein Tumult losbrach. Wütende Stimmen drangen in die Raga, dann das hohle Geräusch eines Schlages und ein vereinzelter Aufschrei. Wir sprangen vom Lager und liefen hinaus, um zu sehen, was da vor sich ging.
Der Stamm hatte sich am Feuer versammelt, an dessen Steinrand sich Andreos und Iranos gegenüberstanden. Iranos sah befremdet auf seine Hand, die, noch immer erhoben, gerade den Hieb gegen Andreos ausgeführt hatte. Der stand, in eisiges Schweigen gehüllt, die Spuren des Übergriffs deutlich sichtbar, vor Iranos. Die Leute starrten erschrocken auf die beiden Kontrahenten. Dies war Frevel! Noch nie hatte einer von uns die Hand im Zorn gegen den anderen erhoben, dies war bislang ein absolutes Tabu gewesen.
„Dafür wirst du büßen!“ Andreos’ Worte fielen hasserfüllt in die Stille zwischen ihnen. „Zweifler, der du bist!“ Iranos wich einen Schritt zurück.
„Und ich sage euch, dass sich Umshi’ma erst dann zeigen wird, wenn die Zweifler wieder an ihn glauben! Ihr seht, jetzt habt ihr es in der Hand.“ Schon wollte sich Andreos seiner Raga zuwenden, als sich etwas in mir seinen Weg bahnte.
„Umshi’ma wird sich nie zeigen, niemals, denn er existiert nicht!“
Erschrocken legte ich eine Hand über meinen Mund. Was hatte ich da nur gesagt?
Andreos fixierte mich. Die Köpfe der Stammesmitglieder wandten sich mir zu – die Blicke waren ein Gemisch aus Hohn, Spott, Angst, Ablehnung und Ungläubigkeit.
„Wie kannst du es wagen?“ Andreos spuckte mir die Worte ins Gesicht. „Wie kannst du es wagen, den Gott unserer Ahnen zu verleugnen und zu beschmutzen?“
Ich wich zurück. Doch Guron, der hinter mir stand, ließ mich nicht flüchten.
„Sag es ihnen. Sag, was du weißt!“
Iranos merkte auf, während er sich allmählich aus seiner Starre löste. Er sah mich direkt an. „Sprich, Mädchen.“
Und so begann ich, unsicher zunächst, doch mit jedem Wort Klarheit erlangend, meinem Stamm von den Bildern zu berichten, die Soleos mir in der Nacht gezeigt hatte. Ich beschrieb ihnen den Stern, um den wir kreisten und wie er seit Urzeiten von Wesen bevölkert war, die aus reinem Licht bestanden. Ich erzählte, wie sie das Licht weitergaben an uns, an unseren Planeten, der vor langer Zeit aus dem Nichts aufgetaucht war, im Schweife von etwas sehr viel Größerem. Sie hatten gesehen, wie sich Leben in dem Boden geregt und entwickelt hatte, auf dem wir nun standen. Ich erzählte von der Liebe dieser Wesen zu uns und dem Leben. Ich beschrieb ihnen die Kammern und Kavernen in der felsigen Außenhülle ihres Sternes, in denen sie ihr Sein bündelten und zu uns schickten und in denen sie unsere Gesänge empfingen, welche sie nährten und in ihrem Tun bestärkten. Ich versuchte die Ewigkeit in Worte zu fassen, die Soleos mir übermittelt hatte. Und ich konnte sie in den Augen meiner Leute erkennen. Sie begriffen langsam.
Dann erzählte ich von dem Sterben, das erst langsam, dann aber immer schneller um sich gegriffen hatte. Ich übermittelte nur eine Ahnung der Dunkelheit, die aus der Sonne selbst zu kommen schien, in dem sie die Gefährten des Lichtes erlöschen ließ und damit auch unsere Welt in Finsternis tauchte. Ich sagte ihnen, dass Umshi’ma, so wie wir ihn zu kennen glaubten, ihm – Soleos - nicht bekannt war. Und ich sagte ihnen, dass Soleos selbst, als einer der letzten, im Sterben lag. Das Licht würde nicht zurückkehren. Die Nacht würde nicht enden.
Die Stille, die meinen Worten folgte, wurde nur von einem langgezogenen Heulen unterbrochen. Ich suchte den Blick von Guron. Wolltest du das? Wolltest du wirklich diese Botschaft der Hoffnungslosigkeit hören? Er nickte leicht, als hätte er meine Gedanken gelesen.

Er pulste schwach. Er hatte ihre Worte vernommen, die Bilder gesehen, die sie vermittelt hatte, und es war gut. Tarua war eine gute Senderin. Sie hatte nichts verschwiegen, nichts verfälscht. Er selbst war fast am Ende seiner Aufgabe angelangt. Als er sich zur Ruhe gelegt hatte, hatte er etwas gespürt. Es kam nicht von Taruas Planeten. Es war näher. Es verbarg sich in den Schatten. Welche Schatten? Sein Geist verwirrte sich zusehens. Er musste an die wenigen Male denken, da die Dunkelheit ihn verstärkt hatte. Er dachte an die Fragen zurück, die er damals gestellt hatte. Und wieder erhielt er keine Antworten, denn seine Gefährten gab es nicht mehr. Niemand konnte ihm noch helfen. Wie auch? Und doch wollte er, wollte er… Eine Spur hinterlassen, ja. Es konnte nicht alles umsonst gewesen sein. Es musste mehr geben, als zu vergehen. Er trug einen Namen!

Guron sah sich um. Die Menschen waren von dem Gehörten wie betäubt. Er konnte sie verstehen. Iranos war tief in Gedanken versunken, man konnte förmlich sehen, wie er grübelte, wie er plante und wieder verwarf. Plötzlich bemerkte Guron aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Andreos war schlangengleich zu Tarua hinübergeglitten und hielt sie in einem eisernen Griff, der mehr Kraft verriet, als man dem alten Mann zutrauen wollte. Der Schein der Flammen spiegelte sich auf der Schneide seines Messers wieder, welches er Tarua an den Hals gesetzt hatte.
„Glaubt ihr nicht, sie ist eine Ungläubige! Sie ist verwirrt, sie hört Stimmen, die es nicht gibt! Alles Lüge, alles Lüge!“ Sein Blick flackerte unstet, die Hand mit dem Messer zuckte näher. Blut quoll aus Taruas Haut.
Guron griff zu seinem Messer.
„Lass ab von ihr, sie spricht die Wahrheit! Ich habe gesehen, wie das Licht um sie leuchtete in der Nacht.“
„So hat sie dich auch schon in ihren Wahn gezogen? Sie muss sterben, sonst wird sie uns alle ins Unglück stürzen!“
Andreos Messer fraß sich tiefer in das Fleisch. Tarua stöhnte vor Schmerz auf.
Iranos sah zu Guron. „Du sprichst wahr?“ Er wartete die Antwort gar nicht erst ab. Schon war er auf dem Sprung, als Guron, einer plötzlichen Eingebung folgend, sein Messer zu Boden schleuderte.
„Soleos! Hilf ihr – zeig dich!“

Er schreckte aus den Wirren irrlichternder Gedanken auf. Ein anderer hatte ihn gerufen. Es musste etwas mit Tarua geschehen sein, dass sie ihn nicht selbst rief. Er konzentrierte all sein Wesen auf den, der ihn bei seinem Namen genannt hatte. Durch seine Augen sah er sie. Er spürte die Gefahr, in der sie schwebte und er sah den Tod schwarz in sie fließen. Er entsprang dem Wesen hinter ihr. Mit einem letzten Aufbäumen seiner Kräfte, sammelte er sein Licht und sandte es in dieses Wesen. Dunkelheit, Schwärze konnte nur mit Licht bekämpft werden. Zu lange waren er und seine Gefährten passiv gewesen, es wurde Zeit, Zeit - auf die Jagd zu gehen! Und als er aufflammte, ließ er ab von der Kammer, ließ er ab von der Heimat und folgte dem Licht, welches er aussandte. Über den Abgrund der Nacht hinweg stürzte er auf den Planeten, hinein in den Träger des Todes, um sich ihm in all seiner verbleibenden Macht zu zeigen.

Ich fiel zu Boden, als etwas Andreos packte. Ich spürte die Anwesenheit von Soleos, doch so intensiv hatte ich ihn noch nie gespürt. Fort war die Sanftheit, fort die Ruhe, untergegangen in dem puren Willen, ein Licht zu entzünden. Andreos konnte die Wahrheit nicht länger verbergen. Soleos war in ihn gefahren. Sein Leuchten zeigte uns, was aus unserem Priester geworden war. Eine Larve der Angst, der Mutlosigkeit wandelte sich zu einer Fratze aus Gier und Machteifer. Für einen Moment schien sie zu triumphieren, dann aber verschwand sie in dem hellen Gleißen Soleos’, welcher nach einer Weile wieder aus dem Priester strömte. Andreos sah in die Runde. Er öffnete den Mund, wie um etwas zu sagen, doch brachte er keinen Ton heraus. Schamvoll verbarg er das Gesicht hinter verkrümmten Händen. Mein Herz raste.
In diesem unwirklichen Moment war es wiederum Iranos, der handelte. Er trat einen Schritt vor und streckte seine Hand zu Andreos aus. Der sah verstört auf die dargebotene Hand, dann in die Runde und zu Soleos, der sich über dem Feuer sammelte, einer Wolke aus Licht gleich. Er verharrte für einen Moment stocksteif und starr in der Betrachtung des Leuchtens, um sich dann mit einem Laut, ähnlich dem Heulen der Groars, von uns abzuwenden. Er floh! Floh hinaus in die Dunkelheit, fort von uns, fort von der Gemeinschaft. Unfähig zu einer Reaktion verharrten wir in dem tumben Chaos der Fassungslosigkeit.
Iranos fand als erster wieder Worte.
„Unsere Sonne ist erloschen, Tarua?“
Ich nickte leicht.
„Aber das Licht ist bei uns?“
Ich sah zu Soleos, der noch immer über dem Feuer schwebte. Zögernd nickte ich. Er überlegte. Schließlich sah er entschlossen in die Runde. Er blickte jedem von uns in die Augen.
„Es wird kalt werden. Das Korn wird verkümmern. Die Groars werden nicht weichen. Doch wir – wir werden leben. Das Licht in uns wird uns wärmen. Wir haben Neues gelernt und wir werden noch mehr lernen. Wir werden uns verändern, doch wir werden leben. Aber bei allem was kommen mag, lasst uns nicht vergessen, was uns wichtig war. Lasst uns nicht vergessen, was uns wichtig ist.“
Ein Raunen ging durch die Reihen. Wir wollten ihm nur zu gerne glauben. Was blieb uns auch anderes?
„So lasst uns um die Toten trauern.“
Damit stimmte Iranos den Morgengesang an – als Requiem für Soleos, und als Erinnerung an den Andreos, der uns lange Zeit geführt hatte. Seine Stimme schwankte für einen Moment.

Er hatte alles mit angesehen. Er hatte alles gehört. Er hatte die Schwingungen wahrgenommen. Aber er hatte dabei erkannt, dass alles Hoffen umsonst wäre. Er hatte die Menschen gesehen, er hatte die Felder gesehen. Er spürte die Kälte nahen. Er richtete den Blick zurück. Von dort würde keine Hilfe kommen, nicht jetzt, da auch er die Heimat verlassen hatte. Der Weg, der ihn hierher geführt hatte, war noch nicht zu Ende. Diese Gewissheit bildete sich mit einer Macht in ihm, die ihn überrumpelte. Auf einmal schienen seine Gefährten von überall um ihn her zu sein. Alles was du brauchst, ist dir gegeben. Erkenne es!
Er war verwirrt. Seine Gefährten? Gab es sie doch noch – irgendwo? Er versuchte, seine Heimat, seine Gefährten zu erspüren. Irgendwo da draußen mussten sie doch sein! Doch es gab keinen Widerhall der heimatlichen Gestade. Stattdessen schob sich eine dunkle pulsende Masse zwischen ihn und sein Sehnen. Er erkannte sie. Dreimal hatte er sie schon gesehen. Und er erkannte seine Aufgabe.

Und während der Stamm sang, löste sich Soleos aus unserem Kreis. Er flammte noch einmal auf, bevor er einem fallenden Stern gleich in die Dunkelheit stürzte – unvermittelt, so wie er in unsere Mitte gekommen war. Doch er ließ keinen Raum für Schmerz zwischen uns beiden, denn er ließ einen Funken seines Wesens in mir. Geschenk, wisperte es. Es ist ein Geschenk.. Und so lächelte ich in Gurons Armen, als Soleos die Schwärze durchmaß um ein neues Licht zu entzünden. Und ich lachte, als es an unserem Himmel erstrahlte.

1 Kommentar 23.10.06 21:24, kommentieren

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