Der Lesefisch

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Schmetterlingsflügel Kapitel 1

***
„Wo ist Onkel Paul?“ quetscht Eenie zwischen zwei Bissen des roten Algenbreis hervor. Die Hände der Tante, im morgendlichen Zweikampf mit Eenies Haar verstrickt, stocken kurz.
„Er wollte zu Ju-En“, antwortet Rahel gleichmütig. Doch ihre Hände zittern leicht, als sie die Bänder von Eenis Zöpfen verknotet.
„Warum?“ Eenie krabbelt es kalt den Rücken hoch. Ju-Enn. Der Schrein. Verboten!
„Er will sich nicht in die Prüfung fügen, die der gnädige Ju-En für uns vorgesehen hat. Er will mehr...“
„Aber wir haben doch alles, oder?“ Eenie dreht sich um und sieht die Tante verständnislos an.
Die nickt zögerlich.
„Ich hol´ ihn heim!“
Das Mädchen springt entschlossen auf und entwischt der Tante, bevor sie sie aufhalten kann.

Eenie ließ das Dorf schnell hinter sich. Sie hatte keinen Blick für die kargen Roggenfelder oder die verkümmerten Maisstauden. Auch die verkrüppelten Orangenbäume mit ihren harten sauren Früchten konnten sie nicht von ihrem Weg abbringen. Sie hatte versprochen, den Onkel zurückzubringen und das würde sie nun machen. Eenie biss die Zähne zusammen. Sie hatte sich auf einen Tag in ihrem unentdeckten Königreich gefreut. Sie hatte zu den Hügeln im Hinterland laufen wollen, um die schattigen Kopfsteine zu besuchen. Vorgestern hatte sie dort in einer dunklen Nische etwas durch den Sand krauchen sehen, aber es war bereits dämmrig gewesen, und sie hatte heute noch einmal nachschauen wollen. Aber jetzt? Jetzt durfte sie ihren Onkel einfangen, der in seiner spinnerten Art mal wieder irgendwelchen Träumen nachhing.
Sie zwang sich zu einem langsamen Trab, der nichts gemein hatte mit den wendigen Kapriolen, die sie sonst im Wüstensand schlug, dann, wenn sie keiner dabei beobachten konnte. Das hier war kein Spiel.
Eenie lief gen Norden. Ihre Gedanken liefen neben ihr her. Dort, wo sich die Ebene an den Felsen brach, war ihr Ziel, der Schrein. Dort, so hatte es sie Willem, der Priester, gelehrt, hatte der gnädige Ju-Enn die Schläfer in die Höhlen gelegt, auf das sie sich von diesem Punkt aus die Erde untertan machen sollten. Als die Schläfer erwachten, ließen sie die Höhlen hinter sich und zogen zum Meer. Der Schrein aber würde immer hier sein, als Erinnerung an ihre Herkunft. Wer die Schläfer gewesen seien, hatte sie Willem gefragt, und er hatte ihr erzählt, dass es ihre Ur-ur-ur-ur-ur-ur-Großeltern gewesen wären. Wo waren sie zu Bett gegangen? Auf einem Stern, weit, weit entfernt. Hatte Ju-En die Leute gefragt, bevor er sie aus ihren Betten gestohlen hat? An diesem Punkt hatte Willem sie sehr streng angesehen und gesagt, dass Ju-En seine Taten nicht einem kleinen, dummen Mädchen erklären müsse. Im Gegenteil, sie solle stolz sein, ein Kind der Schläfer zu sein. Punktum. Seitdem hatte Eenie den Priester nie wieder irgendetwas gefragt. Außerdem hatte sie, neben aller Achtung vor Ju-En im Allgemeinen, für sich im Besonderen beschlossen, den Gott nicht zu mögen, der ungefragt Leute aus ihren Betten nahm, um sie in irgendwelche Felsen zu stopfen, auch wenn es schöne waren.
Eenie sah die Felsenlinie näher kommen. Die Sonne tauchte das Gestein in einen orangefarbenen Nebel. Das Mädchen hielt an und freute sich an dem Anblick. Der letzte Rest ihres Unmuts zerstob im Wüstensand. Sie war gern hier. Sie liebte die Wüste. Das war ihre Welt. Sie streckte die Arme aus und sprang übermütig zwischen den Kieseln umher. Für einen Moment waren Onkel Paul, der strenge Willem und Ju-En völlig vergessen.
Als ein feines Sirren erklang, stoppte sie in ihrem Spiel, rollte reflexartig die Halsbinde auseinander und schob sie sich über Mund und Nase. Ein Sandteufel hatte beschlossen, sich ihrem Tanz anzuschließen. Höchste Zeit, sich einen Windschatten zu suchen. Sie sah sich um. Der Schrein! Onkel Paul! Das Mädchen rannte los. Der Sandteufel änderte enttäuscht seine Richtung.
Eenie stoppte erst vor der Hohlgasse, die den Aufstieg zum inneren Plateau kennzeichnete. Sie klaubte einen Stein vom Boden, säuberte ihn und legte ihn dann unter die Zunge. Sie klärte ihren Geist, wie es ihr Willem beigebracht hatte. Danach ging sie gesittet weiter. Dies war Ju-Ens Grund und Boden. Selbst wenn man nicht an ihn glaubte, hatte man ihm Respekt zu zollen – so hatte es Onkel Paul sie gelehrt.
Als sie den Aufstieg halb gemeistert hatte, hörte sie ein rhythmisches Klopfen, Stein, der auf Metall traf. Das Geräusch schien sich zu vervielfachen. Eenie musste an die Kreise denken, die entstanden, wenn sie Kiesel ins Wasser warf.
„Onkel Paul?“
Das Geräusch baute sich zu einer metallenen Welle auf, die Eenie zu überspülen drohte.
„Onkel Paul!“
Der letzte Anstieg war geschafft. Kurz zögerte sie, bevor sie flink die Ebene überquerte. Sie konnte seine hagere Gestalt mit dem sandfarbenen Schopf am Schrein ausmachen. Mit einem Felsbrocken bearbeitete er den silbrig schimmernden Metalllaib, der sich zu Anbeginn der belebten Zeit in den roten Sandstein geschmiegt hatte. Dabei fluchte er inbrünstig und war so in sein Tun vertieft, dass er nicht bemerkte, wie sie in einer Staubwolke neben ihm zu stehen kam.
„Was machst du denn da, Onkel Paul? Bist du verrückt? Bei dem Krach wird Ju-En noch aufwachen, und dann?“ Sie streckte die Hand aus, um ihm am Ärmel zu fassen.
„Ich bin noch gar nicht laut genug!“ Paul schreckte auf, drehte sich zu seiner Nichte um und zog ihr zur Begrüßung an den Zöpfen. „Soll er doch aufwachen und aus seinem Ei schlüpfen. Dann können wir endlich nachsehen, was sich hinter dieser Schale alles verbirgt!“
Eenie knuffte ihn in die Seite. „Lass los! -Was meinst du überhaupt damit?“
Paul wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. „Ich denke, nein, ich weiß, dass hier Dinge liegen, die uns nützlich sind. Ich weiß nicht, was es ist, aber ich bin so...“
„Neugierig?“ Eenie blinzelte zu ihm hoch.
„Ja.“ Er grinste jungenhaft.
„Aber wie kommst du darauf? Und was, wenn da gar nichts drin ist?“
„Was, wenn, ob, falls – ich bin’s langsam leid. Jeder macht seine Arbeit, wie er sie gelernt hat. Weil sie sich so bewährt hat. Weil wir schon immer alles genauso gemacht haben - Aber denkt vielleicht irgendjemand weiter? – Nein! Bloß keine Veränderung, sie könnte uns schaden.“ Paul kratzte sich das stoppelige Kinn. „Ich will mich nicht damit zufrieden geben.“ Er hieb mit dem Stein auf die Metallhülle. „Verdammt noch mal!“
„Onkel Paul?“
„Ja, Kleine?“
Sie holte tief Luft, blies die Backen auf und piepste schließlich: „Wohin willst du denn denken?“
„Häh?“ Paul blickte verständnislos auf seine Nichte hinunter.
„Na, wenn keiner weiter denkt…“
„Wenn ich das nur wüsste“, murmelte er abwesend und ließ den Stein fallen. „Das hatte er mir nie beibringen können.“ Das Bild seines Großvaters blitzte kurz in ihm auf, wie er ihm Bruchstücke von altem Wissen weitergegeben hatte, das er nie hatte umsetzen können. Es war zuviel verloren gegangen auf der Reise zwischen den Sternen. Einen Traum hatte er ihm jedoch geschenkt: riesige Hallen, angefüllt mit Stille und Büchern. Dort lagerte alles das, wonach Paul sich sehnte – Antworten, auf Fragen, die er selbst noch nicht kannte. Seine Miene verfinsterte sich.
Eenie merkte, dass ihr Onkel in seinen Gedanken wieder weit, weit weg war. Also schob sie ihre Hand in seine und stieß ihn leicht an.
„Ich denk’ mich jetzt nach Hause. Und du kommst mit.“
Sie grinste frech zu ihm hoch.
Paul ließ sich von Eenies Feixen anstecken. „Da gibt’s keine zwei Meinungen, was?“
Eenie schüttelte den Kopf, dass die Zöpfe tanzten. Paul kapitulierte lachend.
***
Ein lang gezogenes Stöhnen drängt sich aus seinem Brustkorb, der eben erwacht. Mit einem Zischen gleitet die durchsichtige Kuppel zur Seite, die ihn bis jetzt beschützt hat. Leben, denkt er, Leben. Er spürt, wie sich die Schläuche aus ihm zurückziehen, Fremdkörper, die so lange in ihm verweilt haben, dass sie heimisch geworden sind in seinem Fleisch. Er wandert durch seinen Körper, der ihm nach dieser langen Zeit fremd geworden ist. Probeweise bewegt er die Finger. Überrascht stellt er fest, dass sie ihm noch immer gehorchen. In ihm erhebt sich das Bild eines Schmetterlings, der sich, eben aus dem Kokon geschlüpft, an einen Halm klammert und seine Flügel aufpumpt. Ich bin jetzt ebenso schwach wie er, denkt er. Ich pumpe Luft in meine Lungen. Doch ich werde nicht fliegen, noch nicht. Die Luft riecht seltsam spröde. Ihr fehlt die Fülle der alten Heimat. Gebt mir Zeit, denkt er. Nur etwas Zeit. Ich bin so müde...
Und während er zum ersten Mal seit langer Zeit in echtem Schlaf versinkt, löst sich der Schmetterling seines Geistes, erhebt sich in die dünne Luft des fremden Planeten und kostet die Freiheit. Er trifft auf viele seiner Art, vereinigt sich mit ihnen im taumelnden Tanz des Schwarms und folgt den Koordinaten, die seine Antennen an den Prozessor in seinem Inneren weiterleiten. Am Zielort werden sich die Wärmesensoren automatisch aktivieren, ausrichten und die Spur aufnehmen. Am Ziel angekommen, werden sie tief in der Nacht die Kinder der Schläfer in ihren Betten, ihren Träumen, markieren. Damit werden sie die Katalogisierung einleiten, unbemerkt und lautlos. Danach werden sie hierher zurückkehren, zum Schrein – und auf ihren nächsten Einsatz warten.
***
Am Abend hatte Eenie bemerkt, dass sie ihren Spaltschaber verloren hatte. Er musste irgendwo auf dem Heimweg vom Schrein aus ihren Gürtelbändern gefallen sein. In der Nacht würde sie ihn nicht finden, aber am nächsten Morgen, bei Sonnenaufgang, wollte sie noch einmal zum Schrein gehen, um ihn sich wieder zu holen. Es kam immer wieder vor, dass die Schabsteine verloren gingen oder absplitterten und damit unbrauchbar wurden. Normalerweise würde man sich den nächsten Stein greifen und bearbeiten. Aber Eenie wollte ihn nicht einfach ersetzen. Dieser Spalter war der erste, den sie ganz ohne Hilfe hergestellt hatte. Während sie noch grübelte, ob sie den Stein wirklich finden würde, schlief sie ein. Im Traum lösten sich ihre Füße von der staubigen Erde, während sich blaue Schmetterlinge um sie herum sammelten. Sie führten das Mädchen im taumelnden Flug hin zum Schrein. Dort, neben dem silbernen Laib des Schreines, direkt neben dem Stein, den Onkel Paul hatte fallen lassen, glitzerte es. Die Schmetterlinge schwebten mit Eenie zu Boden. Dann flogen sie wieder auf und ließen das Mädchen in einem nun tiefen und traumlosen Schlaf zurück.

Als Eenie am nächsten Morgen aufwachte, bemerkte sie kurz einen silberhellen Schmerz im Nacken. Doch nachdem sie prüfend den Kopf bewegt hatte, um ihm nachzugehen, sich aber nichts weiter tat, stahl sie sich aus dem Haus. Der Traum der letzten Nacht war lebendig in ihr, die Bilder unantastbar. Sie folgte dem Flug der Schmetterlinge so schnell sie konnte. Als sie an der Hohlgasse angelangt war, gaben ihre Knie zitternd nach. Erst jetzt bemerkte sie den Durst, der ihre Kehle ausdörrte. Sie stellte auch fest, dass sie in ihrer Hast weder Wasserschlauch noch Brot eingesteckt hatte. Sollte sie wieder zurück? Dann würde bestimmt alles auffliegen. Nein, sie musste es so schaffen, das wär’ ja gelacht! Schnell schob sie sich einen Stein unter die Zunge und wartete ab, bis sich erste Flüssigkeit sammelte.
Die Sonne stand inzwischen hoch am Himmel, und sie musste sich einen Platz im Schatten suchen, an dem sie bis in den Nachmittag ausharren würde. Dabei schauderte es sie. Sie war noch nie allein beim Schrein gewesen. Das war nur Willem gestattet. Himmel, wenn das jemand erfahren würde, gäbe es eine ordentliche Tracht Prügel! Unschlüssig erhob sie sich. Sie würde nur den Schabspalter holen und sich dann zu den Felsen zurückziehen, die auf halben Weg zum Dorf lagen. Geschwind begann sie den Aufstieg. Auf dem Plateau angekommen, schloss sie kurz die Augen. Ich bin nicht hier, ich bin wirklich gar nicht hier, wiederholte sie stumm im Kopf. Keiner kann mich sehen. Ju-En schläft tief und fest.

Als Eenie dann die Augen aufschlägt und zum Schrein hinüber späht, wird ihr schwindelig. Eine dunkle Öffnung hat sich in der schimmernden Hülle aufgetan. Er schläft nicht mehr! Er schläft nicht mehr!
Sie flüchtet hinter den nächsten Felsen. Das Herz trommelt gegen die Rippen. Jetzt ist es nicht bloßes Unbehagen, das sie in der Mittagshitze erschauern lässt, jetzt ist es Angst. Was haben wir getan, denkt sie, was haben wir nur getan? Ihre Gedanken flitzen im Kreis und lassen keinen Platz für Antworten. Nach einer halben Ewigkeit gewinnt die Neugier in ihr Überhand. Eenie schiebt den Kopf etwas höher, lugt über die scharfe Felskante. Halb erwartet sie, von einem Flammenstrahl getroffen zu werden, der sie als Strafe für den gestrigen Frevel ins Niemandsland befördern wird, hinein in das große Vergessen. Doch nichts geschieht. Der Platz liegt verlassen vor ihr. Sie wirft zaghaft einen Kiesel in Richtung des Schreines, der auf halber Entfernung leise klackernd zu Boden fällt. Immer noch nichts. Sie schiebt sich höher, steht schließlich aufrecht, bis zur Brust vom Felsen geschützt.
„Hallo?“ ruft sie leise, „Bist du wach?“ Doch alles, was sie hören kann, ist der Mahlstrom der Stürme, die in einem fort an der Rückseite der Felsen entlang raspeln.
Es wird nichts sein, denkt sie sich. Ich hole meinen Schaber und werde kein Sterbenswörtchen sagen. Der Durst und die Erschöpfung sind inzwischen völlig vergessen. Ich bin nicht hier, ich bin gar nicht hier. Mutig begibt sie sich auf den Weg zum Schrein. Doch ihr Schritt wird immer langsamer, je näher sie der dunklen Höhlung kommt. Sie zwingt sich zur Ruhe. Es geht um ihren Schabspalter. Irgendwo hier muss er sein. Sie fällt auf die Knie und sucht den Boden mit den Händen ab. Es liegen viele zerbrochene Steine hier, zu viele. Aber sie weiß ja, dass ihrer dabei sein muss, die Schmetterlinge haben es ihr gezeigt. Sie vertraut ihnen. Während sie sich in ihre Suche vertieft, fällt alle Angst von ihr ab. Nun ist es Ärger und Zorn ob ihres Verlustes, der sie antreibt. Die Felssplitter klirren. Staub vernebelt ihr Augen und Atem. Emsig wühlt sie sich durch die Erde, als eine Glutwelle ihren Körper zu verbrennen droht und Eiseskälte nach ihrem Herz greift. Mit einem Stöhnen bricht Eenie zusammen. Dunkelheit.

„Hier, trink.“ Die Stimme klingt heiser, als sei sie lange Zeit nicht gebraucht worden. Sie hat diese Stimme noch nie gehört. Eenie liegt schlaff auf dem Boden, die Augen geschlossen. „Aber vorsichtig, du hast zuviel Sonne abbekommen.“ Eenie wagt nicht, die Augen zu öffnen. Es kann nur einer sein... Was wird er mit ihr machen? Doch statt der Schläge oder Schlimmerem, das sie sich nicht wirklich vorstellen mag, wird ihr Kopf angehoben und sie spürt eine kühle Flüssigkeit auf ihren Lippen. Wasser! Doch es schmeckt anders als gewohnt, süßer. Eenie greift dahin, wo sich der Krug befinden müsste, die Augen noch immer geschlossen, und will trinken. Aber da ist kein Krug. Da ist keine gebrannte Erde, nur glattes, nachgiebiges Material, das sie noch nie ertastet hat. Nach ein paar Schlucken wird ihr die Flüssigkeit unvermittelt weggenommen. Sie schlägt die Augen auf. „Mehr“, protestiert sie und greift nach der Plastikflasche.
Sie befinden sich in der Höhle des Schreines. Der Mann im hellblauen Overall lehnt mit dem Rücken an der metallenen Haut des Schreins. Da ist keine Öffnung mehr zu sehen. Er sieht sie aus dunklen Augen an, die tief in einem verknitterten Gesicht liegen. „Es scheint dir ja wieder besser zu gehen, hm? Unkraut vergeht nicht.“
Eenie schreckt zurück. „Ju-En-“ Sie schluckt, den Rücken gegen die Felswand gepresst. Er betrachtet sie schweigend.
„Bist du es wirklich?“, wispert sie fragend. „Du musst es sein!“, beantwortet sie sich sein Vorhandensein, immer noch winzig leise. Der Mann vor ihr schweigt beharrlich. Sein Blick brennt sich streng hinter ihre Stirn und ihr Geist hält der Situation nicht stand.
„Bitte nicht böse sein, wir wollten dich nicht stören, es tut mir leid. Bitte, tu’ mir nichts.“ Sie stammelt, verwirrt, voller Angst. Die Arme sind schützend an den Kopf gelegt, der kleine Körper zusammengekauert. Schließlich verstummt sie.
Er sieht sich das winzige, rotbraune, staubige Bündel Mensch an, das da vor ihm hockt. So war es nicht geplant. Man hatte ihn damals mit der Aufgabe losgeschickt, zum richtigen Zeitpunkt einen Gottgesandten, vielleicht sogar einen Gott selbst, zu spielen. Die Soziologen hatten aufgrund ihrer Erkenntnisse darauf gebaut, dass es einen funktionierenden Kult geben würde, über den er die Menschen manipulieren könnte. Aber es wäre ihm bedeutend wohler, wenn er Einschüchterung und Maßregelungen an Ebenbürtigen austesten könnte. Nicht an einem – Kind!
„Wie heißt du?“, knarrzt er.
Eenie hebt den Kopf, lässt die Arme aber immer noch schützend vor den Ohren. „E-E-Eenie“, stottert sie und wünscht sich weit, weit fort. Was soll sie nur machen? Weglaufen gilt nicht.
„Was machst du hier?“
„Spaltschaber...mein Spaltschaber“, flüstert sie. „Ich habe ihn verloren.“
Er greift in die Brusttasche seines hellblauen Overalls, die von einem Logo geziert wird, und zieht einen unscheinbaren Stein mit zwei scharfen Kanten hervor. „So etwas vielleicht?“
„Das ist er!“ Eenie staunt kugelrunde Löcher in die Luft.
Er reicht ihr den Stein und lächelt plötzlich. Auf einmal ist sie nicht mehr ein beliebiges Stück Mensch. Jetzt, wie sie den Stein in den Händen dreht, ihn befingert, ob es auch wirklich ihrer ist, ist sie ein ganz normales Kind.
Er muss an seine eigenen Kinder zurückdenken, an seine Enkel. Er erinnert sich, wie schwer es ihm gefallen war, sie zurückzulassen. Aber er erinnert sich auch daran, dass er den Frachter damals ohne Reue bestiegen hat. Denn er wollte leben – und jetzt? Sein Aufwachen bedeutete Entwicklung. Sein Lohn, die Heilung, war zum Greifen nah. Er muss nur diese Menschen an ihren Bestimmungsort bringen...
„Danke!“ Eenie hat den Schaber wieder an ihrem Gürtel befestigt. Dann sieht sie ihn aus wachen Augen an. „Bist du wirklich Ju-En?“ Sie deutet auf das Logo auf seiner Tasche.
Er weiß für einen Moment nicht, was er sagen soll. Schließlich nickt er. Jetzt weiß er, welche Rolle er zu spielen hat.
„Bist du böse?“ fragt sie, „Dass wir dich geweckt haben?“
Er schüttelt den Kopf.
„Was machen wir jetzt?“ Eenie ist verwirrt. Sie hat es noch nie mit leibhaftigen Göttern zu tun gehabt, und er verhält sich so gar nicht, wie sie es sich vorgestellt hat.
Er sieht sich kurz um, räuspert sich dann und sieht zu ihr hinunter. „Ich bringe dich nach Hause.“
Eenie springt auf die Füße. „Ich laufe vor. Ich sag allen Bescheid!“
Er erhebt sich schwerfällig. Die Gelenke funktionieren noch nicht wieder so wie sie es sollten.
„Nein, Kind.“ Was soll er sagen? Dass er keine Ahnung hat, wo sich die Menschen befinden? Das er nicht weiß, wo ihr Zuhause ist? Als Gott macht sich so etwas nicht gut. „Wir wollen sie überraschen.“
Eenie überlegt kurz. Dann nickt sie begeistert. Der Gott hängt ihr eine Flasche Wasser um den Hals, sich selbst schnallt er einen Kasten auf den Rücken, von dem zwei dünne Schläuche zur Nase führen, und schon sind sie auf dem Weg.
Eenie hat längst ihre Scheu verloren. Sie plappert drauflos, zeigt mit den Fingern hierhin und dorthin, erzählt vom Priester, wie man sich am Schrein zu verhalten hat und was man sich alles über ihn, Ju-En, erzählt. Als er wissen will, was sie über ihn denkt, schweigt sie kurz. Dann sieht sie zu ihm hoch und sagt mit klarer Stimme: „Du hast unsere Vorfahren aus ihren Betten geholt. Das finde ich nicht nett. Außerdem warst Du nie da. Sag mir, was soll ich von Dir denken?“
Als sie sieht wie er die Stirn runzelt, erzählt sie ihm, was Willem über die Schläfer gesagt hat. Er bleibt stehen, schaut verdutzt drein und beginnt dann zu lachen. Sein Lachen dröhnt inmitten der Felsen und Eenie weiß nicht, ob sie etwas Falsches gesagt hat oder nicht. Sie hat ja keine Ahnung von Göttern.
Als sie aus der Hohlgasse heraustreten, bleibt er stehen. Im Licht der untergehenden Sonne breitet sich die rote Ebene zum ersten Mal vor ihm aus, in ihrer vollkommenen Kargheit. Er schließt die Augen und denkt sich zurück auf grüne Wiesen. Fast ist es ihm, als spüre er den kühlen Wind auf der Haut, doch dann holt ihn die drückende Wärme wieder in die Gegenwart zurück. Eine Kinderhand zupft am Ärmel seines Overalls.
„Der Weg ist weit. Wir müssen uns beeilen, wenn wir noch etwas zu Essen haben wollen!“
Er nickt, dann geht er weiter. Es fällt ihm schwer. Die Gravitation ist höher als auf der Erde. Man hatte es ihm gesagt. Aber Wissen und Wirklichkeit sind zwei Paar Schuhe. Schon bald beginnen seine Lungen zu rasseln. Er trinkt einen Schluck Wasser, während er sich Schritt für Schritt auf die Welt einlässt, die ihn umgibt, doch die Erfrischung zerstäubt bereits an seinen Lippen.
Der Weg scheint kein Ende zu nehmen.
Während er sich wortlos voranschleppt, betrachtet Eenie ihn von der Seite her. Sie kaut auf der Unterlippe herum. Irgendetwas stimmt nicht…Sie hat eine Idee, aber noch sammelt sie den nötigen Mut.
„Aua!“ Überrascht springt er zur Seite. Ein vorwitziger Finger hat sich in seine Rippen gebohrt. Seine Hand legt sich schützend über die Stelle, gleichzeitig sieht er Eenie streng an. „Kleine Lady“, beginnt er, „Das ist nicht - “
„Du bist gar kein Gott, nicht wahr?“
Sie sieht zu ihm hoch. Da ist keine Enttäuschung in ihren Augen, kein Vorwurf. Es ist eine einfache Feststellung.
Er sieht sich um. Dann nickt er. „Ich bin Moses.“ Er hält ihr die Hand zum Gruß hin. Eenie nimmt sie und lässt sie nicht mehr los.
„Du kommst aus dem Schrein? Was hast du dort gemacht?“
„Ich habe lange, lange geschlafen.“
„Hat Ju-En vergessen, dich zu wecken?“
Er muss lachen. „Nein, es war alles so berechnet.“
„Warum denn?“
Er muss wieder lachen, diesmal leiser. So weit ist es gekommen. Nach so langer Zeit ohne Kontakt ist er versucht, den Masterplan einem kleinen Mädchen zu verraten - mitten in der Wüste, auf einem gottverlassenen Planeten. „Sag’ Eenie – kannst du ein Geheimnis bewahren?“
Sie nickt. Ihre Hand drückt seine fest – selbst hier werden Versprechen so besiegelt wie auf der Erde. Der Weg nach Hause dauert heute lang. Beide haben sich viel zu erzählen.

1 Kommentar 23.10.06 21:35, kommentieren

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