Der Lesefisch

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Schmetterlingsflügel Kapitel 2

Rahel war morgens mit einem unguten Gefühl aufgewacht und als Eenie auch zur Mittagszeit nicht aufgetaucht war, hatte sie ihren Posten auf der Algenfarm verlassen und begonnen, ihre Nichte zu suchen. Aber niemand hatte ihr helfen können. Keiner hatte das Mädchen gesehen.
Als sie abends zur Kochstelle läuft, weiß sie nicht mehr ein noch aus. Sie trägt Eenies Napf mit sich, als ob allein seine Anwesenheit das Kind herbeizaubern würde. „Sie wird Hunger haben, wenn sie kommt“, hatte sie ihrem Bruder erklärt und sich verboten, das Schlimmste zu befürchten.
Eingereiht in die Schlange vor der Essensausgabe, rückt sie Schritt für Schritt vor, ohne sich an den Gesprächen rings um sie her zu beteiligen.
„Heute nur eine Portion für jeden!“, ruft die Kochobere. „Heute nur eine Portion, kein Zuschlag!“
Rahel zuckt zusammen. Nicht schon wieder, bittet sie im Stillen, lass mich nicht schon wieder mit Hannah aneinander geraten! Sie hasst Streitereien. Sie ist nicht dafür geschaffen. Nervös schüttelt sie den staubroten Zopf in den Nacken. Suchend sieht sie sich nach Paul um, doch der steht, in ein Gespräch vertieft, am Nachbartopf. Als sie bei Hannah ankommt, streckt sie stumm beide Näpfe vor.
„Hast du nicht gehört? Es gibt nur eine Portion für jeden!“ Hannah baut sich drohend vor Rahel auf.
„Der Napf gehört Eenie.“ Rahel strafft die schmalen Schultern. Heute wird sie sich nicht von Hannah überrollen lassen, heute nicht!
„Du kennst die Regeln, Rahel. Wer sein Essen nicht abholt, bekommt auch keines!“
„Aber sie ist doch noch ein Kind!“
„So klein ist sie nicht mehr. Seit letztem Jahr muss sie sich ihr Essen selber holen. Wie oft muss ich dir das noch sagen?“
„Nur dieses eine Mal noch- sie hat sich bloß etwas verspätet, sie ist gleich da!“
„Dann soll sie sich anstellen, wenn sie kommt. Sie muss Verantwortung lernen. Es gibt nicht umsonst Regeln.“
„Hannah, bitte!“ Rahel lässt die Schultern sinken.
„Es gibt heute Fisch, das gilt als Sonderration“, Hannah gibt nicht nach. „Ich kann keine Ausnahme machen!“
Als Hannah Rahels Napf füllt, erfüllt ein Sirren die Luft. Die ersten Rufe ertönen.
„Was ist los?“ „Seht doch nur!“ „Dann sind sie doch kein Traum, ich hab’s dir doch gesagt!“ „Aber woher-?“
Im Schein der Feuerstellen blitzt es blau auf, erst vereinzelt, doch dann senkt sich eine blaue Wolke auf die Menschen. Rahel spürt einen leichten Stich im Nacken, dann fliegt der Schmetterling auf und kehrt zu seinem Schwarm zurück. Für einen Moment kümmert sich niemand mehr ums Essen. Alle wollen einen Blick auf die Schmetterlinge erhaschen, die sich über den Feuern versammeln, um einen Herzschlag später im Dunkel des Himmels zu verschwinden.
Als Rahel wieder klar sehen kann, stehen zwei Gestalten am Hauptfeuer, zwei Schattenrisse, die sich gegen den hellen Lichtschein abheben. Ein großer, hoch aufgeschossen, und ein kleiner zierlicher mit einem Wust von Locken.
„Eenie!“, ruft Rahel erleichtert. Dann dreht sie sich entschieden zu Hannah um. „Siehst du, da ist sie!“
Hanna folgt Rahels Fingerzeig, dann füllt sie wortlos den zweiten Napf und schiebt sie weiter. „Der Nächste!“ ruft sie, doch die Härte ist aus ihrer Stimme verschwunden.
Rahel kämpft sich durch die Menschen, die einen großen Kreis um das Feuer bilden. Keiner wagt es, näher zu treten. Vorne angekommen, stellt sie beide Näpfe auf den Boden und stemmt die Arme in die Seiten. „Eenie de Paul, was fällt dir ein, einfach weg zu laufen! Dir hätte sonst etwas passieren können! Weißt du eigentlich, welchen Schrecken du mir eingejagt hast?“
Rahel kann ihrer Erleichterung nicht anders Luft machen. Doch ihre Stimme ist verräterisch und schon sinkt sie zu Boden, um ihr Mädchen in die Arme zu schließen.
„Das habe ich nicht gewollt“, flüstert das Kind, „aber ich hab doch meinen Schaber holen müssen!“ „Es ist gut“, murmelt Rahel, „alles ist gut, du bist ja wieder da. Aber mach das nie, nie wieder, verstehst du?“ Eenie nickt entschieden, dann dreht sie sich um und zeigt auf Moses. „Ich hab Besuch mitgebracht.“
***
Am Anfang war Moses von den Siedlern befremdet gewesen. Bis auf wenige Ausnahmen waren sie kleiner und zierlicher als er, gleichzeitig allerdings stark und zäh. Ihre Züge waren nicht mehr eindeutig verschiedenen ethnischen Gruppen zuzuordnen, ebenso wie ihre Hautfarbe kaum mehr etwas über ihre Wurzeln verriet. Moses musste feststellen, dass er die Gesichter der alten Heimat vermisste. Sie sprachen ein modifiziertes Englisch, dass er zunächst kaum verstand. Also sprach er nicht viel. Bald stellte er fest, dass das anscheinend niemand von ihm erwartete.
Auf Willems Anweisung hatte man ihm zügig eine Hütte gebaut, oben auf einer Anhöhe, von der aus er die Plantagen im Westen und das Meer im Osten sehen konnte. Direkt unter ihm breitete sich die Siedlung mit ihren einstöckigen Lehmhäusern aus. Jedes mal, wenn er hinunterblickte, wurde er sich bewusst, wie viele sie waren. Er schätzte ihre Zahl auf etwas mehr als 200, aber erst die Auswertung der Markierungen und der Proben würden ihm die genaue Zahl liefern.
Zunächst erkundete er jedoch die Siedlung, um ein Gefühl für diesen Ort zu bekommen – erst mit Hilfe des Sauerstoffgeräts aus dem Raumschiff und Willems Begleitung. Doch als er sich schneller als erwartet an die Luft und die Druckverhältnisse gewöhnt hatte, ließ er das sperrige Hilfsmittel in der Hütte zurück. Nachdem er gelernt hatte, sich zu jeder Tages- und Nachtzeit in der Siedlung zu orientieren, verzichtete er auch auf Willem. Er hatte ihm zu verstehen gegeben, dass sein Beistand nicht länger von Nöten sei und dass er die Gelegenheit nutzen wolle, die Menschen persönlich kennen zulernen. Moses wusste, dass dies riskant und nicht sonderlich diplomatisch war, aber er konnte Willems Art nicht länger ertragen. Der Hüne, der als Priester offensichtlich die Leitfigur der Siedler war, hatte ihn, Moses, vereinnahmt wie ein Haustier. Doch statt wie erwartet Einspruch zu erheben, hatte Willem sich mit diesem, für die Siedler typischen, gleichmütig-freundlichen Lächeln zurückgezogen. Anscheinend nahm er Moses die Entscheidung nicht übel.
Nach und nach entschlüsselte Moses die Kolonie: Man lebte nach überlieferten Regeln, die noch von den ersten Siedlern aufgestellt worden sein mussten. Dabei hatte die Gruppe immer Vorrang. Doch um der Gruppe nützlich zu sein, war die eigene Zufriedenheit ein wichtiger Gradmesser. Es war anscheinend durchaus üblich, sich für einen oder zwei Tage der Arbeit fern zu halten. Dabei sorgten die Betreffenden aber immer für Ersatz. Daher wurde jeder in allen Fertigkeiten ausgebildet, spielerisch, von Kindesbeinen an. Ein Schulsystem gab es nicht.
Der Stand der Technik war niedrig. Die Arbeit war zeitraubend und Kräfte zehrend, sowohl auf den Plantagen, auf denen der Boden mit Steinpflügen bearbeitet wurde, als auch bei den Entsalzungsanlagen am Meer. Dort gab es das erstaunlichste Sammelsurium an technischen Relikten. Neben einfachen Plastikkonussen, an deren Wänden das Meerwasser kondensierte, fand Moses sogar Überreste von Solarfolie. Einst musste es elektrische Wasserscheider gegeben haben, doch es war wohl niemand da gewesen, der sie reparieren konnte, als sie im Lauf der Zeit den Geist aufgaben. Jetzt dienten die Folien dazu, die wenige Flüssigkeit der Nacht zu sammeln.
Man ernährte sich hauptsächlich von Getreide und Algen. Die Orangen nutzte man als Würzmittel, ebenso wie das Meersalz. Die Oliven wurden überwiegend zu Öl verarbeitet. Nur zu wenigen Anlässen wurden die Früchte in ihrer natürlichen Form gereicht.
Doch so sehr Moses das karge Leben auch abstieß, schienen die Siedler zufrieden mit ihrem Los. Gewalt, Neid und Zorn waren ihnen scheinbar unbekannt.
***
„Er ist fabelhaft. Heute hat er uns gezeigt, wie wir uns das Bestäuben erleichtern können.“ Onkel Paul langte nach dem Brotkorb. „ Wenn er kein Gott wäre, würde ich meinen, dass er das Zeug zu einem guten Farmer hätte.“
Tante Rahel und Eenie grinsten sich unverholen über den Abendbrottisch hinweg an. Onkel Paul war schier begeistert von Moses. Er schätzte dessen schweigsamen Pragmatismus, nachdem er einige Zeit vergeblich auf irgendwelche Anzeichen weltfremden Sendungsbewusstseins gelauert hatte. Als Moses eines Tages die Orangenfarm besuchte, auf der Onkel Paul mit Vorliebe arbeitete, und nach kurzer Zeit ungefragt zur Säge griff und tote Äste entfernte, hatte Paul auch die letzten Reste seines Misstrauens zu Grabe getragen.
„Warum?“, hatte er ihn nach Arbeitsschluss gefragt, „Warum sprichst du nicht zu uns? Warum zeigst du uns nicht einen Weg? Warum hast du noch nicht einmal Geräte mitgebracht - keine Pumpen, keine...“
„Geschenke?“ Moses hatte sich zu ihm umgewandt und ihn undurchdringlich angesehen, so dass Paul sich wie ein kleines Kind gefühlt hatte.
Dann hatte er ihn schweigend zu seinem Zelt auf der Anhöhe geführt.
„Was siehst du, Paul?“
Paul atmete tief durch.
„Ich sehe viele Leben voller Mühe. Ich sehe gekrümmte Rücken, die alles geben und denen das Land kaum etwas zurückgibt. Ich sehe Hunger und Schweiß und Mangel. Ich sehe Magenkrämpfe und Übelkeit, wenn das Wasser verdorben ist. Ich sehe Feuer, wenn die Lava aus ihren Kanälen springt. Ich sehe“, Paul drehte sich zu Moses, „Ich sehe einen Gott, der nicht allmächtig ist.“
Moses verzog keine Miene.
„Willst du sehen, was ich sehe?“ Er trat neben Paul. „Ich sehe die Kinder der Auserwählten. Ich sehe, wie sie leben. Ich sehe, dass sie leben. Ich sehe unbändigen Willen, der sich die Erde untertan macht, auf der er steht. Ich sehe Wachstum und Entwicklung. Ich sehe, was ihr in meinem Namen geschaffen habt. Ihr seid nicht verhungert, nicht verdurstet. Ihr seid weder erfroren, noch verbrannt. Ihr seid stark, jeder einzelne von Euch. Und jetzt sage mir, Paul“ Moses verengte leicht die Augen, „Was soll ich euch noch schenken?“
„Mehr“, hatte Paul rufen wollen, „mehr...“ Doch er folgte Moses Blick auf die Siedlung, und auf einmal sah er sie mit anderen Augen.
„Wer satt im Geist ist, kennt kein Morgen.“ Moses verschränkte die Arme vor der Brust. „Geh, deine Familie wartet auf dich.“
Paul folgte der Anforderung. Kurz bevor er die Anhöhe verließ, wandte er sich jedoch um. „Du bist kein Gott, nicht wahr?“
„Ich bin der, von dem du denkst, dass ich es sei.“
„Ich glaube nicht, dass er ein Gott ist“, behauptete Paul zwischen zwei Bissen Brot. „Das ist zu groß für mich. Er ist zu real.“ Den Blick, mit dem Moses eines Nachmittags die koboldgleiche Jael gestreift hatte, als sie auf einem Orangenbaum herumklettert war und sich ihr Hemd selbstständig gemacht hatte, erwähnte er lieber nicht. Rahel hätte es verstanden, aber er wollte das Kind nicht verwirren.
Tante Rahel und Eenie nickten stumm. Jeder hatte seine eigene Meinung zu dem Thema. Rahel war fest davon überzeugt, nun unter der Obhut eines Gottes zu leben – nicht weil sie naiv war, eher im Gegenteil. Sie hatte die Realität zu oft zu klar vor sich gesehen, sie wusste oft, was am nächsten Tag geschehen würde, ohne dass sie etwas am Ablauf der Dinge ändern konnte. Zeit und Logik ließen sich nicht beugen, da tat die Vorstellung von göttlicher Nähe gut. Und Eenie wusste es besser. Aber sie hatte versprochen, ein Geheimnis zu bewahren, und dieses Versprechen würde sie halten.
So wie Paul sahen es nicht wenige. Moses war da. Man konnte ihn sehen, man konnte ihn hören. Aber sei es aus Respekt vor denen, die immer noch an eine göttliche Erscheinung glaubten, oder einfach nur um des lieben Friedens Willen, ließen sie ihm seinen Status. Solange er ihr Leben nicht störte, so lange war er gern gesehen.
Doch es gab einen in der Gemeinschaft, der sich tagtäglich an Moses Gegenwart aufrieb. Es war Willem, der Priester. Er hatte Zeit seines Lebens an Ju-En geglaubt. Sein Leben hatte keinen anderen Sinn als den Dienst an IHM. Doch nun, wo er da war, wirkte er erschreckend schlicht. Willem ertappte sich immer wieder, wie er an IHM zweifelte. Jedes mal, wenn er Ju-En unter den Menschen sah, wie er sich als einer von ihnen darstellte, packte ihn heiliger Zorn. So hatte Ju-En sich nicht zu verhalten! Er, Willem, hatte sein Leben nicht einem großen Betrug gewidmet, das konnte nicht sein. Doch dann ermahnte er sich, kasteite sich in einsamen Nächten, um wieder zum rechten Glauben zurückzufinden und wandte sich betend an das Ideal seiner Überzeugungen. Dann fand er Entschuldigungen für IHN, für sein Verhalten. Dann war er überzeugt, dass Ju-En in all seiner Weisheit sich bewusst für diese Emmanation entschieden hatte. In diesen Momenten sah er seinen Vater vor sich und malte sich aus, was er dazu sagen würde. Er konnte die entrückte Stimme förmlich hören: Ju-En ist ein guter Gott, ein verzeihender Gott. Natürlich will er nicht, dass die Menschen sich vor ihm fürchten. Er hat alles mit Bedacht so gerichtet, und er, Willem, durfte stolz sein, ihm zu dienen...Derart beruhigt, träumte er nachts von den riesigen Kathedralen aus den Erzählungen seines Großvaters, weihrauchgeschwängert und erfüllt von verklärter Mystik, in denen er um die Altäre wandelte, und Ju-En in seiner wahren Größe huldigte.
Je länger Moses unter ihnen weilte, desto mehr zog sich Willem in diese Traumbilder zurück. Ju-En hatte seine Existenz überflüssig werden lassen. Aber den Macht gewohnten Priester konnte man nicht so leicht ausschalten. Während der vordergründige Teil sich den Träumen hingab, lauerte ein anderer Teil, ein dunkler Teil in ihm, auf die Gelegenheit wartend, seinen alten Platz an der Spitze der Gemeinde wieder einzunehmen.
Diese Möglichkeit erwachte mit einem blutroten Sonnenaufgang, sechs Wochen nach Moses` Ankunft im Dorf.
Moses saß vor seinem Zelt und konnte sich nicht daran satt sehen. Er hatte sich endlich unter diesem fremden Himmel eingerichtet und genoss das morgendliche Farbenspiel, als laute Stimmen die Anhöhe hinauftönten. Willem, dachte er, was wird er jetzt wieder wollen?
„Ju-En! Ju-En, wir brauchen deine Gerechtigkeit!“ Willems Stimme hatte zur alten Kraft zurückgefunden.
„Ich habe nichts Unrechtes getan!“ Das war Pauls Stimme, trotzig, zornig. „Frag ihn, alter Mann! Du hast kein Recht-“
Dann war ein dumpfer Schlag zu hören und Pauls Stimme verstummte abrupt.
Moses stand auf. Seitdem er seinen Platz in der Gemeinschaft eingenommen hatte, hatte er diesen Moment immer gefürchtet. Heute musste es zu einer Entscheidung kommen. Heute musste er sich zum ersten Mal wirklich beweisen.
Auf den Straßen erhob sich Geschrei. Der Lärm sprang durch die offenen Fenster in das große Zimmer, in dem Rahel und Eenie mit Handarbeiten beschäftigt waren. „Es wird ein Unglück geschehen.“ Rahel schreckte in ihrem Schaukelstuhl hoch. „Was ist denn?“ fragte das Mädchen, das gerade dabei war, Olivenkerne zu sortieren, um sie später auf Bindfäden aufzuziehen.
„Ich weiß es nicht“, murmelte Rahel, „ Noch nicht…“ Sie schwang sich aus dem Stuhl, warf das Flickzeug in den Korb neben sich und ging zur Tür. „Du bleibst besser hier, Eenie. Ich beeile mich.“ Die Tür klappte hinter Rahel in den Rahmen.
Eenie zuckte kurz mit den Schultern, dann beschäftigte sie sich weiter mit den Kernen. Sie wollte Moses eine Kette basteln. Sie wollte ihm etwas aus ihrer Welt schenken, weil er seine Welt nicht mehr hatte. Aber die Kerne waren hart und es war eine mühsame Angelegenheit, sie zu durchbohren. Eenie hatte schon seit Wochen daran gearbeitet, aber richtig gut ging es erst, seitdem Onkel Paul ihr einen ‚Schraubbohrer’ gegeben hatte. Er hatte das Werkzeug aus dem Schrein geholt, heimlich. In letzter Zeit war er immer öfter zum Schrein gezogen und hatte dort herumgewühlt. Er meinte wohl, dass niemand davon wüsste, und vielleicht hatte er auch Recht, was den Rest der Gemeinschaft betraf. Aber sie hörte ihn spät in der Nacht heimkommen. Egal wie leise er versuchte zu sein, er kam immer irgendeinem Hocker oder Sack oder Kasten in die Quere. Eenie hielt inne und betrachtete den Bohrer genauer. Er war silbergrau, hart und schwer – ganz anders als alles, das sie kannte. Ihre Finger schlossen sich um das gehärtete Metall und plötzlich spürte sie, dass der Lärm mehr bedeutete als ein umgestoßener Entsalzungstrichter. Onkel Paul! Eenie spurtete, ihrer Intuition folgend, zum Dorfplatz.
Rahel stand in der ersten Reihe, die Hände über den Mund gelegt, als könne sie das Bild nicht fassen, dass sich ihr bot, obwohl es ihr aus tausend Alpträumen schon bekannt war. Moses, Paul und Willem bildeten ein Dreieck, wobei Paul, die Hände gebunden, auf den Knien ausharren musste, während Willem mit großem Gestus den Fall darlegte. Moses hörte sich die Ausführungen schweigend an. Er wirkte in diesem Moment den Menschen ferner als je zuvor. Unbeteiligt, überlegen – nicht von dieser Welt.
„…und daher sage ich: Er MUSS bestraft werden! Seiner Frevel sind zu viele, er straft dich und die Gemeinschaft mit Hohn! Diebstahl, Anmaßung, Ketzerei – er tut uns nicht gut. Wir müssen – DU, großer Ju-En, musst uns vor ihm schützen! Gnade ist der falsche Weg!“
Paul starrte in den Sand. Willem hatte Recht. Er, Paul, hatte gegen die Regeln verstoßen, immer wieder. Dabei war er zunächst vorsichtig gewesen. Mit der Zeit hatte er jedoch das Gefühl gewonnen, dass Ju-En genau wusste, wo er sich die Nächte um die Ohren schlug. Aber nachdem kein strafendes Wort über dessen Lippen kam, hatte Paul seine Vorsicht vernachlässigt, hatte sogar das Gefühl gewonnen, dass er sein Tun gut hieß. Und trotzdem –die Regeln waren länger da als Ju-En. Er billigte nicht alle, aber sie hatten Vorrang!
Nachdem alle, unter leisem Tuscheln, Willems Worten gelauscht hatten, ruhten nun ihre Augen auf Moses. Er musterte sie - 243 Menschen, die er jetzt überzeugen musste. Los ging’s.
„Gnade sei nicht der richtige Weg“ Er räusperte sich. „Worum geht es denn eigentlich? Wir haben hier einen Mann, der Ideen hat. Visionen. Und nun wollen wir ihm verbieten, sie zu verwirklichen?“
„Aber er hat dich bestohlen!“ „Ja, Diebstahl ist unehrenhaft. Wir haben alle wenig genug!“
„Was ist Diebstahl?“ Er suchte die Menge mit den Augen ab. „Eenie! Sag’ uns was Diebstahl ist.“
Das Mädchen schluckte und trat einen Schritt vor. „Wenn ich mir etwas nehme, was mir nicht gehört – ohne zu fragen, dann ist das Stehlen.“
„Stimmen wir ihr zu?“ Moses betrachtete die Leute, die verwundert zurückstarrten. Er fragte ein Kind? Er fragte die Gemeinschaft? - Schließlich löste sich der Moment in einhelliger Zustimmung und Moses winkte Eenie zu ihrer Tante zurück.
„Was hat Paul genommen, dass nicht ihm gehört?“
„Er hat deinen Schrein geschändet. Er hat verschiedene Teile entwendet. Er hat materiellen und ideellen Raub begangen!“ Willem begann sich in Rage zu reden, doch Moses unterbrach ihn mit einer knappen Handbewegung.
„Paul ist zu dem geöffneten ‚Schrein’ gegangen – ja. Er hat ihm Dinge entnommen, um sie für den Nutzen der Gemeinschaft einzusetzen. Ist das Diebstahl an Euch?“
Ein unentschiedenes Murmeln erhob sich.
„Der Zweck heiligt nicht die Mittel“, tönte Willem dazwischen. Ein paar Stimmen gaben ihm lauthals Recht.
„Paul hat nichts entwendet. Er hat Dinge, die euch allen gehören, euch zugänglich gemacht. Daher sehe ich keinen materiellen Schaden. Er hat versucht, Ideen lebendig werden zu lassen, indem er die größte Gabe eingesetzt hat, die ihr von Euren Vorfahren bekommen habt – seinen Geist. Wo soll der ideelle Schaden entstanden sein, Willem?“
„Er hat sich über die Regeln hinweggesetzt. Willst du das wirklich billigen? Gutheißen gar? Was ist das für ein Gott, der Chaos duldet?“ Wieder erklang Beifall von Willems Anhängern. Die Gemeinschaft zerfiel zusehends in drei Lager: da waren Willems Leute, die an den Regeln festhielten und Strafe forderten, Pauls Sympathisanten, die seinen Ruf verteidigten und darauf hinwiesen, dass er sich noch nie etwas zu Schulden habe kommen lassen, sowie jene, die eine schnelle, klare Entscheidung forderten, damit sie an ihre Arbeit zurückkehren konnten.
Moses wusste, dass er nun ein Zeichen setzen musste, wenn er sie alle um sich scharen, wenn er sie alle an sich binden wollte. Er hob die Arme, kreuzte die Handgelenke vor der Brust und schickte ein stummes Stoßgebet zum Himmel, bevor er die Holoarmbänder aktivierte. Er hatte Glück, die Technik ließ ihn nicht im Stich.
„Alles Leben entstammt dem Chaos.“ Eine halbdurchsichtige Flammensäule hüllte ihn ein. „Wir ordnen es, strukturieren es.“ Er griff mit beiden Händen in die transparente Materie, die sich zusammenklumpte und dabei ihre Farbe von Rot nach Violett wechselte. „Wir gestalten die Welt, die uns umgibt.“ Moses ließ seine Erinnerungen an die Erde durch das neuronale Interface in den wirren Bildertanz einfließen, bis die alte Heimat als perfekter Globus zwischen seinen Handflächen rotierte. „Doch bei aller Ordnung sind wir die Erben des Chaos und tragen es in unserem Blut und unserem Denken.“ Das Bild der Erde verschwand, stattdessen folgten seine Hände dem verschlungenen Lauf dunkelroter, pulsierender Adern. „Die Kraft in uns will genutzt werden, nicht unterjocht. Verneinen wir sie, wird sie uns verlassen.“ Nun hielt er ein pochendes Herz in den Händen, das sein Pulsen bei den letzten Worten einstellte. „Das bedeutet Stillstand. Stillstand wird uns töten.“ Das erschlaffte Herz färbte sich in seinen Händen erst dunkelbraun, dann schwarz. „Und ich sage Euch: Verurteilt ihr Paul, so straft ihr euch selbst.“ Das mumifizierte Herz explodierte, zerstob in unzählige Funken, die Moses goldenen Glühwürmchen gleich umschwirrten. „Und ich sage Euch: Es wird keine Klage gegen ihn erhoben. Es wird keine Strafe gefordert.“
Mit gekreuzten Handgelenken und einem leisen Klicken ließ Moses die Bilder ersterben, die seine Worte begleitet hatten. Die Menschen sahen fassungslos zu ihm auf. Nur Paul zeigte selbst in seiner misslichen Lage eine derart faszinierte, ungezügelte Neugier, dass Moses unwillkürlich lächeln musste, als er ihm auf die Füße half und einen Schritt zurück trat, um dem aufbrandenden Jubel der Menschen Platz einzuräumen. Aber das Lachen verging ihm schnell. Es ist also wirklich so einfach, dachte er bei sich. Zeig ihnen bunte Bilder und schon glauben sie dir jedes Wort …
„Oh Nein, Nein, Nein! Willem nicht, nicht Paul, nein-„ Rahels Schreie brachten alle wieder zurück in die Wirklichkeit. Sie zerschnitten das Geflecht aus Pauls Todeslauten und Willems rasendem, unverständlichen Gestammel.
„Was hat er getan, Ju-En hat ihn doch freigesprochen.“ „Er durfte nicht-“ „Was ist denn passiert?“
„Du willst Chaos, Ju-En? Hier hast du Chaos!“ Willem warf Moses Pauls leblosen Körper vor die Füße. Seine rechte Hand hielt den Steindolch fest umklammert, mit dessen Schneide er Pauls Kehle durchtrennt hatte. „Rette ihn, wenn du es kannst. Forme das Chaos, so wie du es sagst. Verteidige dein Erbe!“ Mit diesen Worten stürzte sich Willem mit erhobenem Dolch auf Moses.
Der stand scheinbar ungerührt über Pauls Leiche. Niemand hatte den schnellen Griff an das Emblem auf seinem Overall bemerkt. Aber alle hörten Willems Schmerzenschrei, alle sahen das grellblaue Licht Aufblitzen, als er auf Moses eindrang.
Einen Herzschlag später beugte sich Moses zu Paul hinunter, schulterte seinen Körper und trat stumm den Weg zum Schrein an. Willems verbrannter Körper lag unbeachtet an der Stelle, an der er mit Moses’ Energiefeld kollidiert war.

1 Kommentar 23.10.06 21:36, kommentieren

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