Der Lesefisch

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Schmetterlingsflügel Kapitel 3

„Du musst trinken. Hier!“ Eenie rüttelte die Frau hilflos an der Schulter. Sie drückte Rahel einen Becher Wasser in die Hand. „Ich habe Orangensaft hineingetan, den magst du doch.“ Der Becher rutschte aus Rahels schlaffen Fingern und zerschellte auf dem Boden. Eenie griff nach einem Lappen, fing die Feuchtigkeit auf, bevor sie im Boden versickerte, und hielt ihn der Tante an die Lippen. Ein krampfhaftes Schlucken zeigte ihr, dass wenigstens ein paar Tropfen ihren Weg gefunden hatte. Ein Klopfen am Rahmen der offenen Tür schreckte Eenie aus ihrem zähen Bemühen. „Hannah?“
Die Kochobere schob sich in den Raum, einen Korb in der einen Hand, einen Besen in der anderen. „Ist immer noch nicht besser, was?“ Eenie schüttelte den Kopf. „Geh raus, Kind. Ich kümmre mich um sie.“ Eenie stand unschlüssig zwischen Rahel und Hannah und drehte den Lappen in ihren Händen. „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Geh zu mir nach Hause, wir haben dort Essen für dich.“ Hannah fuhr Eenie rauh durch die ungekämmten Locken, drückte sie einmal brüsk an ihre mütterliche Brust und schob sie dann entschieden aus dem Haus.
Doch statt Hannahs Anweisung zu folgen, ging Eenie in die andere Richtung, hinaus aus der Siedlung. Sie wanderte los, ohne Ziel, die Augen fest auf ihre Füße gerichtet. Seit Onkel Pauls Tod vor drei Wochen war noch kein Teil ihres Lebens wieder an den rechten Platz gefallen. Er fehlte ihr so sehr. Keiner hatte ihr erklären können, was wirklich geschehen war, denn es hatte keiner wirklich begreifen können. Moses hatte einen Abend vor Rahels und Eenies Tür gestanden, hatte mit Rahel gesprochen und deren Tränen gestillt. Doch als er Eenie in den Arm nehmen wollte, hatte sie ihm stumm die Tür gewiesen. Seit diesem Tag saß Rahel schweigend in dem Schaukelstuhl, den Paul ihr letzten Sommer gebastelt hatte, tief in ihrer eigenen Welt versunken. Eenie hatte sich um sie gekümmert, hatte ihre Aufgaben übernommen, so gut es ging. Die anderen aus dem Dorf hatten sich bemüht zu helfen, doch keiner konnte Rahel zum Sprechen bewegen oder Eenies Lachen zurückholen. Geister sind wir, dachte das Mädchen, Staubgeister, die im Wind zerfallen...
***

Moses saß mit gekrümmtem Rücken über den Aufzeichnungen in seinem Zelt. Noch in der Nacht von Pauls Beerdigung, sechs Wochen zuvor, hatte er das Signal überprüft, welches den Raumkreuzer auf Moran aktivierte und das er gleich nach seinem Aufwachen abgesetzt hatte. Wenn es keine technischen Pannen gab, müsste das Fährschiff in circa zwei Wochen hier eintreffen. Nun war er schon den dritten Tag damit beschäftigt, die genetischen Daten auszuwerten, die die Butterflysonden bei ihrem zweiten Einsatz von der Bevölkerung gesammelt hatten. Das Verfahren war relativ einfach, aber zeitintensiv. Moses musste die Profile mit dem vorgeschriebenen Idealtypus vergleichen und die 180 Plätze nach der prozentualen Annäherung vergeben. Profil 167. Er biss sich auf die Unterlippe. Schon wollte er den Chip aussortieren, doch die Versuchung war zu groß. Er ließ ihn das Programm durchlaufen. 94% Annäherung. Was für ein Verlust, dachte er. Warum Paul? Ein Blick in seine handschriftlichen Unterlagen ließ ihn die nächsten zwei Chips überspringen. Diese Wahrheit würde er früh genug erfahren. Er erinnerte sich, wie Eenie ihn fortgeschickt hatte. Er respektierte es. Sie brauchte Zeit. Das hätte alles nicht passieren müssen, wenn du deine Klappe rechzeitig aufgemacht hättest, flüsterte es in ihm. Wenn du Paul nur einmal die Erlaubnis oder einen Auftrag gegeben hättest…Angewidert machte er sich daran, die Arbeit zu beenden.
Am frühen Abend trat er aus dem Zelt und vergewisserte sich mit einem Rundblick, dass das Leben seinen gewohnten Lauf nahm.
Die Bilder der Simulationen von Moran überlagerten seinen Blick. Impressionen von frischem Grün überzogen mit der Dämmerung die staubige Wirklichkeit dieses Ortes. Er konnte das Gurgeln der Bäche förmlich hören. Der herbe Geruch üppiger Wildgräser lag in der Luft. Bedauern durchströmte ihn. Das Fährschiff konnte nicht alle Siedler fassen. Seltsam, dachte er. Als ich die Mission angetreten habe, wusste ich, dass es nur Wenigen überhaupt bestimmt war, Moran zu sehen. Aber damals haben mich die Menschen nicht gekümmert. Alles was ich wollte, war meine eigene Haut zu retten, egal, wie riskant das ganze Unternehmen war. Ich wusste, dass ich einen Vertrag ohne jede Garantie unterschrieb. Nun bin ich hier und auf einmal kümmert mich der Einzelne? Er biss die Zähne zusammen. Wie soll ich es ihnen nur erklären? ‚Improvisieren Sie’, hatte man ihm gesagt. ‚Nutzen Sie Ihren Status, spielen Sie Gott. Machen Sie einfach Ihren Job.’ Nicht zu nahe kommen, das war die Devise gewesen. Möglichst wenig in die vorhandenen Strukturen eingreifen, nicht übermäßig Wissen vermitteln. Auswählen, verfrachten, umsiedeln. Moses würgte an einer plötzlichen Übelkeit. Wer hatte sich das ganze Unternehmen ausgedacht? Es waren an sich kluge Leute gewesen, die wenigstens einen Teil der Menschheit retten wollten – damals als die drohende Zerstörung der Erde durch einen Kometenschauer kein SF-Märchen mehr war. Man hatte das Erbe der Menschen erhalten wollen, indem man eine Handvoll hier ansiedelte. Während die überlebenden Wissenschaftler in den Raumstationen weiter nach einem anderen, einem geeigneteren Planeten suchten, sollte sich hier das menschliche Kapital an andere Umweltbedingungen anpassen. Und sollte dieser Planet – man hatte ihn schon getauft, bevor man ihn gefunden hatte! – vorbereitet sein, würde man ihn mit den Nachkommen dieses Experimentes besiedeln. Jetzt war es soweit. Auf dem Reißbrett hatte alles sehr einfach ausgesehen. Die vielen Variablen, die das Projekt hätten scheitern lassen können, wurden wegdiskutiert. Das ist unsere einzige Chance, hatte man gesagt. Was verlieren wir schon, wenn es nicht klappt? Nicht mehr, als wenn wir untätig blieben. Sie hatten mit Zahlen jongliert, Möglichkeiten berechnet, hatten extrapoliert – hatten einen narrensicheren Plan entwickelt und dann jemanden gesucht, der ihn in ihrem Sinne umsetzen würde. Unheilbar krank, wäre er, Moses, auf der Erde gestorben. Ob durch Kometen oder mangelnde ärztliche Möglichkeiten, das Ergebnis war gleich. Man hatte ihm nur neue Techniken, neue Methoden und eine minimale Chance der Heilung in Aussicht stellen müssen, und er hatte das Papier unterschrieben.
Ein Stich in der Lunge zwang ihn zu Boden. Die meisten Fehler basieren auf guten Absichten! Ich tanze nicht mehr auf einem Reißbrett. Die Siedler sind mehr als menschliches Kapital. Hat irgendjemand auch nur einen Gedanken daran verschwendet? Moses krümmte sich. Seine Hand tastete nach dem Medicpen, den er immer mit sich führte. Als der Schmerz wenige Minuten später abklang, sah er auf die Anzeige. Leer. Hatte er unbemerkt mehr Injektionen verbraucht, als berechnet? Im Zelt waren keine weiteren mehr, das wusste er. Auf dem Fährschiff würde es welche geben, massenhaft – aber bis dahin wäre er ein körperliches Wrack, vor Schmerzen unfähig zu denken oder zu handeln! Frustriert warf er den leeren Injektionsstift zu Boden.
Ein Schatten bewegte sich hinter ihm. Ein verfilzter Lockenkopf schob sich in seinen Blick. Zöpfe trug das Kind schon seit Wochen nicht mehr. Seine kleine Hand griff nach dem nutzlosen Gerät, hob es auf und drehte es zwischen den Fingern.
„Eenie.“ Er stockte. „Wie geht es dir?“
Das Mädchen antwortete nicht, sondern wühlte in seiner Gürteltasche herum. „Sieh mal, ich hab auch so einen.“ Sie hielt nachdenklich einen Medicpen neben seinen, doch ihrer war gefüllt. Sie setzte sich im Schneidersitz vor ihn hin.
„Der gehört mir“, sagte Moses. „Würdest du ihn mir geben?“
Das Kind schien zu überlegen. „Er gehört mir. Onkel Paul hat ihn mir geschenkt.“
Moses hielt ihr bittend die Hand hin. „Würdest du ihn mir leihen?“
„Was willst du damit?“
„Es ist Medizin. Sie heilt Schmerzen. Und ich brauche sie.“ Wieder streckte er die Hand aus.
„Warum ist Onkel Paul tot?“ Sie hielt beide Stifte fest umklammert.
„Das ist schwer zu erklären, Eenie.“ Moses setzte sich auf und verschränkte die Arme vor der Brust. „Willem war ein böser Mann. Er war wütend, weil ich ihn nicht ...ernst genommen habe “
„Also ist Onkel Paul wegen dir gestorben?“
„Denkst du das? Ich hatte deinen Onkel sehr gerne. So wie ich dich gern habe.“
Eenie kaute auf der Unterlippe herum.
„Warum musstest du überhaupt aufwachen? Vorher war alles gut!“
„Ich hatte keine Wahl. Alles war so geplant. Ich soll euch zu einem besseren Platz führen. Das ist meine Aufgabe.“
„Warum?“ Eenie sprang auf. „Ich geh nicht mit. Ich will nirgendwo hin. Ich will hier bleiben, bei Tante Rahel, bei Onkel Paul. Hier, hörst du?“
Wütend warf sie ihm den leeren Medicpen vor die Füße und rannte den Hügel hinunter ins Dunkel.
Moses stemmte sich ächzend auf die Füße und folgte ihr so gut es ging. Er konnte sich denken, wo er sie finden würde.

„Es wird dir gleich besser gehen, Tante Rahel. Ich hab hier Medizin. Es wird bestimmt nicht weh tun!“ Eenie kniete vor ihrer Tante, die apathisch in ihrem Schaukelstuhl zusammengesunken war. „Tante Rahel?“ Eenie fasste nach Rahels Hand und schrak vor der Kälte zurück. In diesem Moment wurde die Tür aufgestoßen und Moses stützte sich schwer atmend in den Türrahmen. Eenie rappelte sich hoch, den Medicpen in der geballten Faust.
„Was willst du hier?“
„Das nicht die richtige Medizin für deine Tante.“ Moses hielt dem Mädchen die Hand entgegen. „Bitte gib sie mir.“
„Nein! Tante Rahel braucht Medizin. Wenn sie nichts bekommt, wird sie sterben, hörst du? Das will ich nicht!“ Eenie liefen Tränen über die Wangen.
„Keiner will das, ich auch nicht. Aber deine Tante braucht Essen und Trinken. Sie muss wieder zu Kräften kommen. Was du da in der Hand hast, hilft gegen Schmerzen, aber es gibt keine Kraft.“ Moses löste sich vom Türrahmen und näherte sich Eenie. „Es ist viel zu stark.“
Eenie sah ihn misstrauisch an.
„Es wird deine Tante umbringen. Willst du das?“
Misstrauen wechselte zu Fassungslosigkeit. Sie warf mit dem sinnlos gewordenen Injektionsstift nach ihm. „Geh weg!“, schrie sie. „Geh weg, geh weg, ich hasse dich!“
Moses bückte sich und hob den Stift auf. Mit geschlossenen Augen stach er die Nadel in seinem Unterarm. Als er sie wieder zurückzog, stöhnte er leise. Danach verstaute er das Gerät sorgfältig in der Brusttasche des Overalls und ging zu dem Schaukelstuhl hinüber, um sich Rahel genauer anzusehen. Eenie stellte sich ihm in den Weg, die erhobenen Hände zu Fäusten geballt. Als er noch einen Schritt machte, explodierte das Mädchen. Ihre Fäuste trafen ihn ziellos, auf der Brust, im Magen, überall. Als die Schläge irgendwann nachließen, kniete sich Moses vor ihr hin. Er packte ihre Arme. „Schluss jetzt, kleine Lady. Wir werden deiner Tante helfen. Und wir werden das gemeinsam schaffen – du und ich. Sie muss essen, sie muss trinken und sie muss schlafen, verstanden?“
Eenie beruhigte sich langsam in seinem Griff.
„Hast du mich verstanden?“ Moses blickte das Mädchen streng an. „Kann ich dich wieder loslassen?“
Sie nickte müde.
„Gut, als erstes werden wir sie waschen. Wirst du mir helfen?“
Wieder ein Nicken. Er nahm sie kurz in den Arm, dann hob er Rahel aus dem Stuhl und trug sie zur Schlafstätte in der hinteren Nische des Raumes hinüber. „Hol Wasser und saubere Tücher, Eenie.“ Er überprüfte Rahels Puls. Einen Herzschlag lang glaubte er, dass sie schon verloren sei, doch dann regte sich ein leichtes Flattern unter der durchscheinenden Haut und ein winziger Lufthauch streifte seine Wange. „Wo bleibt das Wasser?“
Als Hannah drei Stunden später auf ihrem späten Rundgang bei Rahel vorbei sah, staunte sie nicht schlecht. In dem hell erleuchteten Raum herrschte Chaos. Auf dem Boden knäuelten sich benutzte Laken und Lappen. Zwischen Bett und Tisch zeugte eine Schlammspur von verschüttetem Wasser. Neben dem Bett stand ein leerer Napf. Im Bett selbst lag Rahel zwischen ihrer Nichte und – Ju-En. Alle drei schliefen tief und fest. Hannah schlich sich in das Zimmer, stellte den Korb mit Nahrungsmitteln auf den Tisch und löschte das Licht, bevor sie sich auf den Weg nach Hause machte.

Dass Moses nach dieser Nacht ganz zu Rahel und Eenie zog, blieb nicht unbemerkt. Dafür sorgte Hannah schon am nächsten Abend. Sie verteilte die Neuigkeit zusammen mit dem Algenbrei, ungewöhnlich freigiebig, ganz gegen ihre Art. Das Tuscheln hielt sich allerdings in Grenzen. Es schien ganz so, als ob sich seit dem Verscharren von Willems Leichnam im Hinterland, der Glaube an den fleischgewordenen Gott endgültig gefestigt hatte. Dass er sich nun in einer solchen Notlage persönlich um die Frau und das Kind kümmerte, wurde wohlwollend aufgenommen. Man bestätigte sich gegenseitig in der Meinung, unter einer wahrhaftigen Führung zu leben, die Beistand, aber keine Unterdrückung bedeutete.
Von Ju-En selbst sah man nicht viel mehr als vor dem unseligen Vorfall, aber an dem Mädchen, das nun jeden Abend ungefragt und ungehindert drei Rationen abholte, konnte man ablesen, wie er die verletzten Seelen heilte. Und so war es kein Wunder, dass die Menschen ihrer Freude unverhohlen Ausdruck verliehen, als Rahel, von Ju-En und Eenie begleitet, sich nach einer Woche zum ersten Mal wieder in die Reihe der Essensholer einfügte. Spontan versammelten sich alle am Hauptfeuer, als die drei sich dort niederließen um in Gesellschaft zu speisen.
Es war ein Abend ruhiger Freude. Da man Ju-En an Rahels Seite wusste, sprach man zum ersten Mal von Paul. Rahel, immer noch blass, nahm die Worte, so wie sie gemeint waren, während sie einen Arm um Eenie gelegt hatte und sich ihre andere Hand, im Schatten ihres Rockes versteckt, in Moses’ Hand verkroch.
Später machten sich die drei auf den Heimweg und nicht wenige, die ihnen hinterher blickten, dachten darüber nach, auf welch wundersame Weise sich da eine Familie zusammengefunden hatte.

„Ju-En?“ Rahel sah zu ihm hoch. „Du wirst dir noch den Rücken ausrenken, wenn du weiter auf dem Boden schläfst.“
„Mach dir keine Gedanken, Rahel. Es ist alles gut, so wie es ist.“
„Ist es nicht“, Rahel krauste die Stirn. „Ich höre dich in der Nacht. Du sprichst im Schlaf. Irgendetwas, ich kann es nicht verstehen.“
Moses strich die Decke über Rahel glatt. „Schlaf jetzt. Es war ein langer Tag.“
Rahel legte ihre Hand über seine. „Ich möchte nicht schlafen. Ich habe zu lange geschlafen, viel zu lange.“
Moses setzte sich auf den Bettrand. Ich darf nicht, dachte er. Das darf nicht geschehen. Er entzog ihr brüsk die Hand und vergrub den Kopf in seinen Händen.
„Eenie schläft.“ Rahel setzte sich auf. „Machst du dir Gedanken um die Leute? Wer weiß, was sie denken. Wahrscheinlich sind sie in ihren Vorstellungen sehr viel deftiger als wir es sind.“ Sie lachte leise. Dann spürte er ihre Hände sanft auf seinen Schultern. „Du hast soviel für uns getan, für meinen Bruder, Eenie, für mich“, wisperte sie. „Lass mich etwas für dich-“
„Du brauchst für nichts danken.“ Moses erhob sich. „Ich muss gehen.“
„Willst du mich nicht?“
Er drehte sich um. Rahel saß aufrecht im Bett. Ihr rotes Haar umfloss ihr Gesicht, brach sich Wellen gleich an ihren Brüsten unter dem groben Hemd. Ihm war, als sähe er zum ersten Mal die wahre Frau, die sonst unter Staubschichten verborgen, ein Leben fristete, das ihrer Schönheit nicht gerecht wurde. Sein Widerstand sammelte sich ein letztes, verlorenes Mal.
„Ich darf nicht.“
Ihre Augen verdunkelten sich. „Morgen“, flüsterte sie. „Morgen bist du wieder Ju-En, der Gott. Aber heute Nacht möchte ich neben dem Mann liegen, der Ju-En auch ist.“ Mit einer Hand zog sie die Decke fort.

***
Zwei Tage vor der erwarteten Ankunft des Fährschiffes, zog sich Moses in sein Zelt auf der Anhöhe zurück, um die letzten Daten durchzugehen. In der vorangegangenen Zeit hatte er sich in den stillen Momenten das Hirn zermartert, wie er die Gemeinschaft auf das vorbereiten sollte, was auf sie zukommen würde. Bislang hatte er noch keine elegante Lösung gefunden. Für jede mögliche Argumentation hatte er ernstzunehmende Widerworte gefunden. In einem Anflug verzweifelter Ironie hatte er sogar daran gedacht, die Legende von Ju-En und den Schläfern noch einmal Wirklichkeit werden zu lassen. Er hatte die Idee sofort wieder verwerfen wollen, aber je länger er darüber nachdachte, desto plausibler wurde sie.
Nachdem er die Daten der Auserwählten noch einmal kontrolliert hatte, wandte er seine Aufmerksamkeit zum ersten Mal der Liste derer zu, die hier bleiben würden. Er stutzte. Dann kontrollierte er sie erneut. Das Ergebnis ließ ihn aufstöhnen. Es konnten nicht alle umgesiedelt werden, dass hatte er immer gewusst. Aber man hatte ihm nie gesagt, wie die Übriggebliebenen ohne die Hilfe der anderen überleben sollten. Er setzte sich erneut an die Daten, erstellte Listen der verschiedenen Arbeitsstätten, verglich sie mit den Leuten, die zur Verfügung standen und begann zu rechnen. Die Ergebnisse ließen ihm den Atem stocken. Er trat aus dem Zelt, sah auf die Siedlung hinab und biss sich auf die Fingerknöchel, um einen Fluch zu unterdrücken. Verräter, Verräter, dröhnte es in seinem Kopf. ‚Spielen Sie Gott, nutzen Sie Ihren Status’ – das also war es, was sie damals wirklich gemeint hatten. ‚Lassen Sie sich etwas einfallen.’ Moses schmeckte Blut. Er musste handeln. Er musste weise handeln.
Nachdem er sich wieder einigermaßen im Griff hatte, kehrte er ins Zelt zurück. Eine Aufgabe wartete noch auf ihn, die er immer wieder vor sich her geschoben hatte. Schlimmer konnte es nicht mehr kommen, also warum nicht jetzt? Mit einem Griff ließ er erst den einen, dann den zweiten Chip, durch das Programm laufen. Profil 168: 69% Annäherung. Profil 169: 87% Annäherung. Seine Miene verdunkelte sich. Noch einmal überprüfte er den ersten Chip. Das Ergebnis war unantastbar. Moses spürte wie sich Kälte in ihm ausbreitete, als er die beiden Datensätze in die Liste eingab und die Ergebnisse aktualisierte. Eenie hatte es geschafft, Rahel nicht. Diesmal hielt Moses den Fluch nicht zurück.

„Ich werde morgen den ganzen Tag unterwegs sein“, unterbrach Moses die friedliche Stille am Tisch.
„Wolltest du nicht zu den Kopfsteinen mitkommen?“ Eenie hielt kurz inne und sah ihn über den Rand ihres Bechers hin an. „Du weißt doch, da gibt es vielleicht Tiere!“ Seitdem Moses ihr von diesen seltsamen Lebewesen erzählt hatte, war ihr ganzes Hoffen darauf ausgerichtet, vielleicht selbst welche zu entdecken.
„Es geht leider nicht anders. Ich muss zum Schrein. Aber wir können den Ausflug ja bald nachholen.“ –Verräter, Verräter.-
Eenie zuckte mit den Achseln. „Die laufen bestimmt nicht weg.“ Für ungefähr zwei Sekunden spielte sie die Langmütige, danach krauste sie ungeduldig die Nase. „Hoff´ ich jedenfalls.“
Rahel lächelte Eenie zu, sah Moses dann aber prüfend an. „Alles in Ordnung?“
„Sicher doch!“ Seine Antwort fiel unerwartet knurrig aus und Rahel verengte leicht die Augen. „Dann ist es ja gut- nicht wahr?“
„Alles wunderbar.“ Er zwang sich zu einem Lächeln.
Rahel erwiderte es, dass ihm das Herz stockte.

***
Als Eenie aufwacht, hört sie diese bestimmten Geräusche aus dem Nebenzimmer. Sie muss hinaus, aber sie möchte auch nicht stören. Also klettert sie aus dem Fenster. Es ist schon sehr spät. Die großen Feuer sind gedrosselt. Die Siedlung liegt in tiefem Schlaf. Nur der Wind geht leise durch die Straßen und zupft mal hier, mal dort an den Fenstertüchern. Eenie macht sich auf den Weg zur Latrine.
Als sie wieder ins Freie tritt, hat sich ein Sirren in das Geräusch des Windes gemischt. Schon will sie alle beisammen rufen. Seht, sie sind wieder da! Die Schmetterlinge sind wieder da! – als sie sich vorstellt, wie Hannah oder Eugen oder selbst der nette Darcy auf diese Ruhestörung reagieren würden. Also nutzt sie den Moment, um ungestört mit den Faltern zu tanzen. Doch die beachten das Mädchen nicht. Sie teilen sich auf, nehmen Kurs auf die Fensterlöcher, schlüpfen durch die Tücher und verschwinden in den Häusern. Nur einer kommt zu Eenie geflattert. Er setzt sich auf ihren Handrücken. Wie schön er ist, denkt sie bei sich und streckt einen Finger aus, um über seine Flügel zu streichen. Da blitzt im Sternenlicht eine dünne Metallnadel auf und dringt tief in ihre Haut. „Aua“, schreit Eenie und schlägt ihn von ihrer Hand. Der Schreck ist heftiger als der Schmerz. Ein Tropfen einer klaren Flüssigkeit schimmert auf ihrem Handrücken, dann rollt er davon und tropft zu Boden. Eenie hebt den Schmetterling auf. Die Flügel sind zerknickt, der Körper liegt kalt und starr in ihrer Hand. Er ist tot, denkt sie. Das wollte ich nicht. Ich gebe ihn Moses. Ich muss nach Hause.
Als sie dort ankommt, beginnt das Anästhetikum zu wirken. Bevor sie die Tür öffnen kann, bricht das Mädchen bewusstlos zusammen.

Am nächsten Morgen wacht Eenie mit wummerndem Kopf auf. Das Sonnenlicht frisst sich grell hinter ihre Lider. Als sie sich umsieht, stellt sie fest, dass sie lang ausgestreckt auf dem Boden liegt, inmitten des Dorfes – nahe des Hauptfeuers, das noch nicht brennt. Stille überzieht die Szenerie.
Was ist nur los, versucht sie durch die Kopfschmerzen hindurch zu fragen. Warum bin ich nicht zu Hause, in meinem Bett?
Neben ihr liegen viele andere. Aber nicht alle. Wo sind sie? Wo ist Tante Rahel? Wo Moses? Sie dreht ihren Kopf zur anderen Seite. Da liegt Tante Rahel, aber sie rührt sich nicht. Auch nicht, als Eenie sie am Ärmel zupft.
Sie schließt erschöpft die Augen. Da hört sie Schritte. Sie erkennt sie sofort. So geht nur einer, langsam, bedächtig. Er kann nicht rennen, immer noch nicht.
„Moses?“, murmelt Eenie. „Bist du da? Bist du wach?“
Die Schritte entfernen sich wieder. Er wird sie nicht gehört haben. Aber schreien will sie nicht. Der Kopf dröhnt zu sehr. Und irgendwie erscheint es ihr unpassend, sie möchte ja niemanden stören.
Irgendwann nähern sich die Schritte erneut. Irgendwann stoppen sie. Irgendwann, so klingt es, wird ein schwerer Gegenstand abgelegt. Eenie wird dieses Geräusch noch oft hören. Zwischendurch wird sie kurz einnicken.
Irgendwann wird sie wieder aufwachen und Moses sehen, wie er zwischen den Reihen der Siedler umhergeht und ihnen etwas in die Hände legt. Sie sieht, wie er bei ihnen kniet. Sie hört ihn leise reden, obwohl ihm niemand antwortet.
Sie fühlt sich schwach. Ihr ist übel. Der Himmel über ihr hört nicht auf zu kreisen.
Irgendwann wird sein Schatten auch auf sie fallen. Dann wird sie die Augen aufschlagen und ihm die Arme entgegenstrecken.
„Mir ist so übel“, wird sie flüstern. „Muss ich jetzt sterben?“
„Nein, mein Mädchen“, wird er sagen, während er sie in seinen Armen wiegt. „Du wirst nur schlafen. Aber dann wirst du aufwachen und eine neue Welt sehen. Eine grüne Welt mit frischem Wasser und vielen Tieren.“
„Tiere?“
„Viele Tiere. Du, deine Tante, und alle anderen - ihr werdet gut leben. Alles wartet dort auf euch.“
„Kommst du mit?“, wird Eenie in seinen staubigen Overall fragen. Sie wird sein Kopfschütteln nicht sehen können, als er den Medicpen aus der Tasche zieht und entsichert.
„Ich werde bei euch sein.“ Wenn ihr euch an mich erinnern wollt, denkt er. Wenn nicht, habt ihr jedes Recht dazu. „Aber nun musst du schlafen.“
„Aua“, wird sie murmeln, als die Injektionsnadel in ihren Nacken dringt und Moses die letzten Tropfen des Sedativums in ihren Körper pumpt. Dann wird er sie wieder hinlegen und sein Lächeln wird das letzte sein, dass sie sieht, bevor sie für lange, lange Zeit schlafen wird.
Sie wird nicht spüren, wie Moses ihr den Chip 169 zwischen die Finger legt.
Sie wird nicht sehen, wie er Tante Rahel in den Armen halten, wie er sich von ihr verabschieden wird. Sie wird auch nicht sehen, wie er die Hände ihrer Tante um seinen eigenen Chip schließt.
***
Nachdem das Fährschiff gelandet ist, nachdem die Auserwählten verladen wurden, nachdem das Fährschiff wieder abgehoben und in Richtung Moran verschwunden ist, dreht sich der fleischgewordene Gott um. Er wandert durch die verlassenen Straßen, vorbei an den Häusern, in denen die ewig Schlafenden liegen.
Als er die Anhöhe erreicht, schmerzt seine Lunge. Er weiß, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt. Er weiß, dass er nicht genug Kraft hat, um die Zurückgebliebenen zu begraben. Er weiß auch, dass es niemanden geben wird, der sich an dem Leichengeruch stören wird.
Als er vor seinem Zelt steht und sich umblickt, weiß er nicht mehr, ob er richtig gehandelt hat. Als er am Tag zuvor die Butterflysonden der ausgemusterten Siedler von Schlaf auf Tod programmiert hatte, gab es kein Zweifeln oder Zögern. Einen letzten Traum zu träumen war besser, als langsam an einem verlassenen Ort zu verrecken. Doch das Gefühl des Friedens mag sich nicht einstellen.
Der Abendwind findet ihn reglos vor seiner Hütte sitzend. In seinen Händen liegt der Schmetterling der für Rahel bestimmt war, Profil 168. Als der Wind später zum Meer weiterzieht, lässt er die leere Hülle des gefallenen Gottes still und stumm hinter sich zurück.

23.10.06 21:36, kommentieren

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